Die Augen der Toten

Die Augen der Toten
von Marcus Richmann

KaMeRu
ISBN 978-3906739410
Preis 26,60 €

Maxim Charkows erster Fall

Ein verschollenes Gemälde.
Eine mysteriöse Vergangenheit.
Ein Mörder, getrieben von Gier.

Maxim Charkow, Sohn russischer Einwanderer und Chefermittler der Mordkommission, steht vor einem Fall, der ihn an seine Grenzen führt: Er muss den Tod seines Jugendfreundes Gian Corti aufklären. Für seine Kollegin, die Rechtsmedizinerin Francine Boviard, weisen alle Indizien auf Selbstmord hin. Doch Charkow glaubt trotzdem an Mord. Gian war Journalist und arbeitete kurz vor seinem Tod an einem Artikel über Kunstraub im Zweiten Weltkrieg.
Charkow vermutet, dass Gians Recherchen und sein Tod zusammenhängen. Die Ermittlungen führen ihn in das Bergdorf, in dem er und Gian ihre Kindheit verbrachten. Dunkle Erinnerungen werden wach. Erinnerungen an den plötzlichen Tod seiner Schwester Anna und seines Vaters, die vor über dreißig Jahren während einer Bergtour auf tragische Weise ums Leben kamen.
Ihre Leichen wurden nie gefunden.
Als auf dem nahegelegenen Gletscher eine weitere Leiche entdeckt wird und die Ereignisse sich zu überschlagen beginnen, ist Charkow gezwungen, sich nicht nur mit der Geschichte des Kunstraubs, sondern auch mit seiner eigenen Vergangenheit und der Tragödie seiner Familie auseinanderzusetzen…

Die Geschichte wurde 2006 unter dem Titel Cuore di ghiaccio vom RSI verfilmt. Der Film lief an den 42. Solothurner Filmtagen. Das Drehbuch stammt vom Autor selbst.
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Marcus Richmann,

hat seine Wurzeln in Russland, der Schweiz und Deutschland. Mit dreizehn drehte er erste Kurzfilme und schrieb Geschichten sowie Drehbücher. Nach einem Betriebswirtschaftsstudium arbeitete er als selbständiger Kommunikationsberater im In- und Ausland.
Heute schreibt er wieder Drehbücher und Romane. Sein erster Fall von Kommissar Charkow wurde 2006 als Zweiteiler verfilmt und lief 2007 an den 42. Solothurnern Filmtagen. “Die Schwester des Engels – Charkows zweiter Fall” erscheint 2010.
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Drei Fragen an Marcus Richmann

Wann begann Ihre kriminelle Laufbahn?
2003 begann sie mit dem Drehbuch für den Krimi-Zweiteiler CUORE DI GHIACCIO (making-of unter: http://www.youtube.com/watch?v=WU6PLcEW77o), welcher vom Tessiner Fernsehen produziert und 2006 ausgestrahlt wurde. Er lief 2007 an den 42. Solothurner Filmtagen. Nach diversen Storydoctoring- und Treatmentaufträgen für Schweizer Produktionsfirmen, habe ich 2005 endlich Zeit gefunden, meinen Kommissar Maxim Charkow in Romanform weiterleben zu lassen (er war mein Protagonist im Film): ich schrieb mein Debut “Die Augen der Toten - Charkows erster Fall”. “Die Schwester des Engels - Charkows zweiter Fall” ist in Arbeit und erscheint im Frühling 2011. Mehr Informationen findet ihr auf meiner Website: www.richmann.ch

Wie viele Verbrechen gehen auf ihr Konto?
In Buchform erst ein Verbrechen. Filme gibt es schon drei. Und das einzige Verbrechen in meinem Leben war, dass ich zu spät mit dem Schreiben begonnen habe.
Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?
Das wunderbare ist, dass man seine Filme und Buchstoffe nicht verteidigen muss. Sie sind gut so, wie sie sind. Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten.
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Leseprobe

»Bosheit, Schlechtigkeit, sogar Sadismus sind analysierbar, heilbar oder was gleichbedeutend ist: sie haben ihre Entstehungsgeschichte. Man wird schlecht durch Leiden.«
Michael Balint, Psychoanalytiker, *1896 in Budapest; † 31. Dezember 1970 in London

»Wer seine Geschichte verleugnet, der ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.«
George Santayana, amerikanischer Philosoph, Schriftsteller, *1863 in Madrid; †1952 in Rom

Wann beginnen die letzten Minuten eines Lebens?

Überall sah er rote und gelbe Farbtupfer, durchsetzt mit dem Gold des trockenen Grases. Freude und Aufregung erfassten ihn, als er durch die Sommerwiese lief und seine Hände über die Ähren glitten. Das kitzelnde Gefühl in den Fingerspitzen erinnerte ihn an die Sommer seiner Kindheit. Eine Zeit des Überflusses an Farben und Gerüchen.
Er lief hinüber zur Scheune, die im Schatten einer Buche auf dem Hügel stand. Ihr Holz war vom Licht der Sonne schwarz geworden. Das Surren unzähliger Insekten lag in der Luft. Am Fuße des Hügels glitzerte der See. Im diffusen Licht des aufziehenden Gewitters glitzerte das Wasser wie Quecksilber. Die Hitze versteckte die Welt um ihn herum hinter einem flimmernden Vorhang aus heißer Luft. Die mit Schnee bedeckten Gipfel, die hoch über dem See thronten, vermochten der Natur und den Menschen keine Kühlung zu verschaffen.
Als er sich ins warme Gras legte, verschluckte ihn die Sommerwiese völlig. Neugierig betrachtete er den Himmel über sich. Sein Blickfeld war von Kornblumen und wildem Mohn umrahmt.
Über ihm schwebte bedrohlich eine mächtige Kumuluswolke. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es zu regnen beginnt, dachte er. Seine Gedanken kreisten um den Mann, der ihm helfen sollte. In ihrer Kindheit verband sie eine enge Freundschaft. Doch im Laufe der Zeit löste sich dieses Band immer mehr, sodass nur noch lose Enden blieben. Der Grund war ein Schicksalsschlag, der sie beide getroffen hatte und sie einerseits zutiefst miteinander verband, andererseits aber auch voneinander trennte: der frühe Tod ihrer Väter.
Er schloss die Augen und tauchte langsam in eine Dämmerwelt ein, in der ihn die Gespenster der Vergangenheit erwarteten. Er ließ es zu. Der Tag der Beerdigung zog vor seinem inneren Auge vorbei. Ein erschreckend klares Bild. Sein Freund und er standen an den Gräbern ihrer Väter. Schweigend schauten sie zu, wie Männer in schwarzen Anzügen an groben Hanfseilen Särge in den dunklen Schlund hinab senkten. Das ganze Dorf war gekommen. Noch einmal spürte er die blutleere Hand seiner Mutter, welche die seine steif und fest umschlungen hielt. Ihr Körper strömte Angst und Hilflosigkeit aus. Dann verschwanden die Särge für immer im Dunkel zu seinen Füßen.
Er erwachte, weil es kälter geworden war. Die Wolke über ihm war mittlerweile so mächtig, dass sie die Sonne verdeckte. Trotz der Hitze fröstelte es ihn. Als er sich aufrichtete und umdrehte, um auf den See zu blicken, erschrak er.
Ein Mann stand hinter ihm und lächelte sanft. Er kannte diesen Mann und fragte sich, welcher Zufall ihn hierher geführt haben mochte. Erwartungsvoll blickte er in dessen freundliches Gesicht und wartete darauf, dass der Mann etwas sagen würde. Doch er stand einfach nur regungslos da.
Was dann geschah, dauerte nur Sekunden. Der Mann hob seinen rechten Arm und kam einen Schritt auf ihn zu.
Sein Blick folgte der Bewegung des Mannes. Das, was er sah, ergab für ihn keinen Sinn. Die Hand des Mannes war fast weiß und er streckte ihm einen glänzenden Gegenstand entgegen. Seine Augen erkannten diesen Gegenstand, doch sein Bewusstsein verhinderte mit aller Kraft, diesem glänzenden Ding in der Hand des Mannes einen Namen zu geben. Das Letzte, was er in seinem Leben empfand, war das Erstaunen darüber, dass der Mann mit einer Waffe auf ihn zielte und dabei weiter freundlich lächelte. Er hörte weder den Schuss noch spürte er den Schmerz, als die Kugel seine Schläfen durchschlug. Eine unsichtbare Kraft warf ihn einfach zur Seite. Und dann erfasste ihn unendliche Dunkelheit.
In der Ferne setzte erstes Wetterleuchten ein, als der zweite Schuss fiel.
Dann begann es zu regnen.
Schwere Tropfen prasselten auf die glanzlosen Augen des Toten, die starr in den mit Wolken verhangenen Himmel zu blicken schienen. Der Regen wurde heftiger. Und der helle, von der Sonne getrocknete Lehmboden verfärbte sich innerhalb Sekunden dunkelbraun. Überall bildeten sich kleine Bäche, die sich einen Weg durch die Landschaft suchten. Klares Regenwasser hüpfte zwischen den hellen Kieseln der Forststraße. Dann verlangsamte sich sein Fluss.
Das Wasser wurde träge vom Blut und verfärbte sich rot.

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Eine Autorenlesung des Textes können Sie auf youtube sehen:
http://www.youtube.com/watch?v=1Q4Zl55QIeI

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