Saga Grünwald
Saga Grünwald wurde im April 1969 in Mannheim geboren und ist im Odenwald aufgewachsen. Seit 2007 lebt sie als freie Autorin und Journalistin in Solingen. Sie ist Mitglied der Deutschen Haiku-Gesellschaft, im Syndikat, bei den Mörderischen Schwestern und im Bergischen KrimiKartell.
Von 2004 bis 2007 – „Literarisches Schreiben” und „Belletristik” im Fernstudium.
Leiterin mehrerer Schreib-Workshops und -Seminare.
Etliche ihrer Texte wurden mit Literaturpreisen ausgezeichnet.
2011 wurde sie als „Solingerin des Jahres” für ihr soziales Engagement mit der „Silbernen Hexe” geehrt
2014 wurde ihr der dm-Preis für Engagement „HelferHerzen” verliehen.
Saga Grünwald hat mit den Jocasta Loomis-Mysteries eine ungewöhnliche Krimi-Thriller-Abenteuer-Mystik-Reihe mit insgesamt acht Bänden verfasst, in welchen sie Sagen und Mythen der keltischen und germanischen Welt mit historisch belegten Hintergründen verwebt und das alles einbettet in eine spannende Grabräuber-Geschichte.
Im Jahr 2024 startete Saga Grünwald ihre Bergische Krimi-Reihe, in welcher das Kriminalkommissariat 11 der Kreispolizeibehörde Wuppertal in ungewöhnlichen Fällen ermittelt. Die Bergischen Krimis spielen überwiegend im Bergischen Städtedreieck Solingen, Wuppertal, Remscheid, aber es gibt auch "Ausflüge" in den Kreis Mettmann.
Daneben hat Saga Grünwald mit ihrer Traviandantus-Reihe eine wunderbare Fantasy-Geschichte in sechs Bänden veröffentlicht, außerdem Bildbände mit Gedichten und Märchen in deutscher und englischer Sprache, Kurzgeschichten und ein DruidenTarot.
Unter dem Künstlernamen Sandy Green erschienen außerdem drei Bücher, die sich mit Tabu-Themen aus nationalsozialistischer Zeit befassen.
Bücher von Saga Grünwald
Leseproben & Dokumente
Der vergessene Schatz der Götter
Prolog
Der Schmerz kam so überraschend und heftig, dass er vollkommen automatisch reagierte, und zum ersten Mal, seit ihn die vier Kerle in ihrer Gewalt hatten, konnte er einen Schrei nicht unterdrücken. Bisher hatten sie sich damit begnügt, ihm mit ihren Fäusten ins Gesicht und in den Magen zu schlagen. Er hatte die Schläge stets kommen sehen und sich darauf vorbereiten können. Mit zusammengebissenen Zähnen war es ihm gelungen, ein ausdrucksloses Gesicht zu wahren. Kein Ton war über seine Lippen gekommen. Weder hatte er auch nur eine ihrer Fragen beantwortet, noch das leiseste Seufzen von sich gegeben. Keines Blickes hatte er sie gewürdigt, wenn sie versuchten, ihn mit ihrer falschen Freundlichkeit auszutricksen oder mit ihren Schreien einzuschüchtern. Die Zeit zwischen den Schlägen hatte er genutzt, um in das undurchdringliche Grün des Waldes zu sehen, der unmittelbar hinter den Johannisbeersträuchern begann, die den Garten begrenzten. Es war ihm gelungen, den Schmerz der Schläge aus seinem Bewusstsein zu verdrängen, indem er sich auf dieses Grün konzentrierte, auf das Gezwitscher der Vögel und das leise Summen der Insekten. Hätten die vier Schläger gewusst, welchen Gefallen sie ihm damit taten, als sie ihn aus dem Haus gezerrt und auf dem Rasen an diesem elenden Stuhl festgebunden hatten, wären sie sicherlich in der Stube geblieben und hätten die beengten Platzverhältnisse in Kauf genommen. Alles hatten sie durcheinander geworfen, hatten die Schubladen ausgeleert, den Inhalt der Schränke herausgerissen und die Regale abgeräumt. In jede Vase, in jeden Kochtopf hatten sie ihre Nasen gestreckt. Sie hatten geflucht und geschimpft, aber gefunden hatten sie nicht, nach was sie so angestrengt suchten. Gelassen hatte er ihnen dabei zugesehen, wie sie Zimmer für Zimmer auf den Kopf gestellt hatten. Seine Ruhe war nicht gespielt gewesen. Er wusste, dass ihre Suche ergebnislos bleiben würde. Längst wusste er das Pergament an einem sicheren Ort. Einem Ort, den nur er kannte. Und er würde es eher mit dem Fenriswolf aufnehmen, als auch nur ein Wort zu verraten.
Es hatte lange gedauert bis die vier Kerle endlich eingesehen hatten, dass sie das Pergament in diesem Haus nicht finden würden. Dann war er wieder in den Fokus ihrer Aufmerksamkeit geraten und er wusste, was dies bedeutete. Angesichts der beiden Pistolenläufe, die auf ihn gerichtet waren, hatte er keine andere Wahl gehabt, als sich widerstandslos hinausbringen zu lassen, wo sie ihm einen Stuhl in die Kniekehlen gerammt hatten und die Stricke so fest um seine Hand- und Fußgelenke geschnürt, dass seine Finger längst taub geworden waren. Auch das versuchte er zu ignorieren. Genauso wie das Brennen der Platzwunden, die ihre Fäuste auf seinem Gesicht hinterließen. Wie das Kitzeln des Blutes, das langsam über seine Wange floss und auf sein weißes T-Shirt tropfte. Wie das widerliche Gefühl, sein Magen würde sich umdrehen, wenn ihre Schläge tiefer gingen. Es hatte ihn eine unglaubliche Konzentration gekostet, sich nichts anmerken zu lassen.
Offensichtlich hatte das den Zorn seiner Peiniger erheblich angefacht. Nun wurden sie unfair. Wenn man das in dieser Situation überhaupt so bezeichnen konnte. War es etwa fair, einen unbewaffneten Mann auf einem Stuhl festzubinden und dann zu viert auf ihn einzuprügeln? Nicht wirklich, dachte er bei sich selbst. Er wusste nur zu genau, dass er von diesen Kerlen keinerlei menschliche Regung erwarten durfte. Sie hatten ihren Auftrag und den erledigten sie zielstrebig, gewissenlos und schnell. Dass er bei weitem nicht so leicht zu knacken war, wie sie es sich vorgestellt hatten, trug nicht gerade dazu bei, ihre Laune zu verbessern. Es war ihm klar gewesen, dass sie es nicht bei bloßen Schlägen belassen würden, wenn er weiter so beharrlich schwieg. Doch mit dieser hinterhältigen Aktion hatte er nicht gerechnet. Nicht so bald jedenfalls.
Es musste etwas Langes und Scharfes gewesen sein, das sie ihm hinterrücks in die Schulter gebohrt hatten. Er spürte, wie der Gegenstand in seinen Körper eindrang, fühlte den jähen glühenden Schmerz, der ihn zum Schreien brachte.
Die vier Kerle lachten schadenfroh, als es ihnen endlich gelungen war, ihn zu einer Regung zu zwingen.
Als sie den Gegenstand wieder herauszogen, entfuhr ihm ein kaum wahrnehmbares Stöhnen. Sein Kopf sank ihm auf die Brust, die schweißnassen Strähnen seines blonden Haares fielen ihm ins Gesicht. Er bemühte sich, ruhig zu atmen, versuchte, festzustellen, wie gefährlich die Verletzung war, die sie ihm beigebracht hatten. Da es ihm nicht schwerfiel, Luft zu bekommen, ging er davon aus, dass sie seine Lunge verfehlt hatten. Das war gut. Allerdings spürte er, wie sein T-Shirt feucht und warm wurde. Er wusste, dass sich der weiße Stoff längst rot gefärbt hatte und hoffte, dass er nicht zu viel Blut verlor.
Jemand griff ihm ins Haar und riss seinen Kopf nach oben. Er biss unwillkürlich die Zähne zusammen. Seine blauen Augen funkelten kalt, als er seinem Peiniger ins grinsende Gesicht schaute.
„Na?“, schnarrte der bullbeißige Typ mit triefender Ironie. „Lockert das deine Zunge?“
Doch er presste daraufhin die Lippen nur noch fester zusammen und seine blauen Augen blickten um einige Nuancen eisiger als zuvor.
Als der Kerl merkte, dass die Aktion den massiven Widerstand nicht gebrochen hatte, verzog sich sein breites Grinsen in eine wütende Fratze. Er nickte seinem Kameraden zu, der noch immer hinter dem Gefangenen stand. Der lächelte verschlagen, hob den Dolch mit der dünnen, rasiermesserscharfen Klinge und stach ein zweites Mal zu.
Vier Wochen zuvor
1
Das Telefon klingelte und holte sie aus der Küche, wo sie gerade damit beschäftigt gewesen war, einen Tee zu kochen.
„Dr. Loomis?“, erklang es ein wenig aufgeregt, kaum dass sie den Hörer am Ohr hatte.
„Ja?“
„Wir sind soweit.“
„Gut, ich komme.“ Bevor sie auflegte, sagte sie noch schnell: „Danke, Brian.“
Die Stimme des Studenten klang erfreut, als er antwortete: „Bis gleich.“
Sie hatte Brian Nolan inoffiziell zu ihrem persönlichen Assistenten auserkoren. Der Junge war zuverlässig und talentiert. Doch was noch viel wichtiger war: wenn er auf den ersten Blick auch etwas fahrig wirkte, er hatte Feuer gefangen. Eine Leidenschaft für Archäologie entwickelt, die vielen seiner Studentenkollegen abging. Und Dr. Jocasta Loomis wusste, wovon sie sprach. Schließlich war sie selbst Archäologin und mit Herz und Seele bei ihrer Arbeit. Sie hatte es nicht nur geschafft, gegen eine gewisse Überzahl an männlichen Kollegen zu bestehen, sondern hatte sich bereits einen recht guten Ruf erarbeitet. Nur dem hatte sie es zu verdanken, dass Edward Colegate ihr die Leitung der Ausgrabung am Dominikanerkloster im Wald von Sheringham übertragen hatte. Edward Colegate, Dr. Edward Colegate, war der Leiter der archäologischen Abteilung an der Universität von Cambridge, die in Norwich einen kleinen Ableger hatte. Von hier aus wurden die Ausgrabungen in Norfolk organisiert und in dem winzigen Hörsaal bemühte sich Jocasta Loomis regelmäßig darum, die überschaubare Studentenschaft für Geschichte zu begeistern und auf ihre Arbeit als Archäologen vorzubereiten, auch wenn sie wusste, dass die meisten dieser jungen Leute nach dem Studium eine völlig andere Berufslaufbahn einschlagen würden.
Mit Brian Nolan war das anders. Jocasta war sich sicher, dass der Junge das Potential für einen wirklich guten Archäologen hatte. Deshalb hatte sie beschlossen, Brian in die Ausgrabungen mit einzubinden und damit die Leidenschaft für ihren geliebten Beruf weiter in ihm zu wecken.
Ihre Rechnung schien aufzugehen. Die nervöse Begeisterung, die einen bevorstehenden Fund begleitete, war seiner Stimme deutlich anzuhören gewesen.
Mit einem verschmitzten Schmunzeln steckte Jocasta ihr schulterlanges blondes Haar zu einem Knoten zusammen. Bei Ausgrabungen konnte sie es nicht ausstehen, wenn ihr ständig irgendwelche Haarsträhnen vor den Augen herumwehten. Doch das war nicht der einzige Grund. Eigentlich trug sie ihr Haar immer streng hochgesteckt, wenn sie aus dem Haus ging. Es kam ihr überhaupt nicht in den Sinn, es offen auf ihre Schultern herabfallen zu lassen. Genauso wenig wie das Tragen von Jeans, das sie im Alter von fünfundzwanzig Jahren aufgegeben hatte. Nicht, weil sie ihr nicht gestanden hätten. Jocasta hatte von jeher eine schlanke und dennoch sehr weibliche Figur. Nein, sie hatte sich schlicht für zu alt für diese Art von Kleidung gefühlt. Nun trug sie schlichte Stoffhosen und hochgeschlossene Blusen, wenn sie zu ihren Lesungen in den Hörsaal oder zu anderen offiziellen Anlässen ging. Bei Ausgrabungen lag die Sache anders. Das war Arbeit, harte körperliche Arbeit, die mit jeder Menge Staub, Sand und zuweilen auch Schlamm verbunden war. So stieg sie in ihren schon etwas zerschlissenen Overall, der so typisch für sie war, und ein wenig an die Blaumänner der Handwerker erinnerte, wäre er nicht olivgrün gewesen. Der Overall war weit genug, um ihr ausreichend Bewegungsfreiheit zu lassen, was bei ihrem Job unerlässlich war. Außerdem hatte er den großen Vorteil, dass er sie in ein geschlechtsloses Wesen verwandelte, denn er ließ von ihrer Figur nichts mehr erkennen. Irgendwie verlieh er ihr eine gewisse Sicherheit, er sorgte dafür, dass sie sich tatsächlich wie die fähige und professionelle Wissenschaftlerin fühlte, die sie war.
Gummistiefel würde sie heute nicht brauchen. Das Wetter war ausgesprochen trocken gewesen in den letzten zwei Wochen, was ein wenig ungewöhnlich war für einen April in Norfolk. Auch an diesem frühen Nachmittag stand die Sonne an einem von großen bauschigen Wolken übersäten Himmel. Es würde also heute ebenfalls nicht regnen. Dazu kam, dass sie im Innern eines Gebäudes arbeiten würde, wo die größte Fläche des Bodens aus Steinplatten bestand. So entschied sie sich für ihre stabilen Wanderstiefel, die ihre Knöchel stützten und ihr auch in unebenem Gelände einen guten Halt boten.
Ihr Werkzeug lag im Kofferraum ihres kleinen Skodas, den sie sich vor gut einem Jahr zugelegt hatte, weil er ihr praktisch und günstig zugleich erschienen war. Sie verließ ihre Wohnung, die sie im ersten Stock eines Viktorianischen Hauses gemietet hatte, das in einer stillen Sackgasse am Stadtrand von Norwich stand. Auch die Wahl ihrer Wohnung hatte Jocasta unter rein praktischen Gesichtspunkten getroffen. Ihre Wohnung lag nicht weit vom Universitätsgebäude entfernt, so dass sie zur Not sogar zu Fuß zu ihren Vorlesungen gehen konnte. Außerdem bot die Stadtrandlage das entsprechende Maß an Ruhe und Abgeschiedenheit, die sie brauchte, um sich auf ihre Vorträge vorbereiten zu können oder die Klausuren zu lesen.
Jocasta stieg in ihren Skoda, legte den Sicherheitsgurt um und startete den Motor. Kurze Zeit später hatte sie die Countyhauptstadt hinter sich gelassen und fuhr in Richtung Nordosten auf die Küste zu.
Ohne zu zögern bog sie in den Waldweg ein und ignorierte ein Durchfahrt-Verbots-Schild. Nach drei- bis vierhundert Yards stieß sie auf einige Autos, die geparkt am Wegrand standen. Sie bremste ab und schloss sich mit ihrem Skoda der kurzen Reihe an. Dann stieg sie aus, holte ihre Tasche aus dem Kofferraum und ging an den geparkten Fahrzeugen vorbei. Sie erkannte Geoffreys silbernen Geländewagen und den klapprigen Mercedes von Clint the Pint, der seinen Spitznamen seiner Vorliebe für Bier zu verdanken hatte. Der Tag, an dem Clint ein Pint ausschlagen würde, musste erst noch erfunden werden. Clint hatte ihr einmal verraten, sein Wunsch in Norwich zu arbeiten sei ausschließlich in der Menge der dort ansässigen Pubs begründet. Schließlich hieß es, in Norwich gebe es ein Pub für jeden Tag – und eine Kirche für jede Woche, womit Clint allerdings nicht viel am Hut hatte.
Jocasta mochte Clint, auch wenn sie seine Leidenschaft für Bier und Pubs nicht teilte. Aber er war unkompliziert, liebte seine Arbeit und hatte einen etwas ausgefallenen Humor, mit dem er Jocasta überraschender Weise immer wieder zum Lachen brachte.
Jocasta stellte mit einer Mischung aus Erleichterung und Zufriedenheit fest, dass der protzige Bentley, mit dem ihr Chef vorzufahren pflegte, nirgends zu sehen war. Offenbar hatte Brian ihren Wunsch berücksichtigt, den Leiter der archäologischen Abteilung erst einmal außen vor zu lassen.
Der Student stand vor dem Eingang der Klosterruine und wartete bereits auf sie.
„Hallo Brian“, grüßte sie.
„Dr. Loomis“, antwortete er freundlich.
Sie beugte sich ein wenig zu ihm vor und flüsterte: „Colegate?“ worauf ein schelmisches Grinsen über Brians Gesicht wehte. „Ich konnte ihn leider nicht erreichen“, erklärte der Student mit offensichtlich gespieltem Bedauern.
Jocasta nickte nur. Sie wollte gar nicht wissen, welche technischen Tricks Brian eingesetzt hatte, um zu verhindern, dass Edward Colegate von der bevorstehenden Öffnung des Raumes erfuhr.
Brian lächelte noch immer, als er sich umwandte, um das Gemäuer zu betreten. Jocasta folgte dem jungen Mann. Der Boden war aufgewühlt von den Mini-Baggern, die den Großteil der Erdmasse weggeschafft hatten.
Es war eine Ironie des Schicksals, dass sie nun genauso weit waren wie vor zwanzig Jahren, als sich die Wissenschaft zum ersten Mal mit dem ehemaligen Dominikanerkloster beschäftigt hatte. Damals hatte man begonnen, die Mauern gründlicher in Augenschein zu nehmen, um zwei Dinge festzustellen. Einmal, dass es einen verborgenen Raum gab, der bisher noch nicht geöffnet worden war, und zweitens, dass das gesamte Gemäuer baufällig war. Die Sicherheit für irgendwelche Arbeiten im Klosterinnern konnte nicht gewährleistet werden. So wurde beschlossen, die Öffnung des geheimnisvollen Raumes vorerst zurückzustellen – was, wie sich Jocasta nur zu gut vorstellen konnte, sicherlich auf heftigen Widerstand bei den Archäologen gestoßen war – und zunächst einmal in aufwändigen Sanierungsarbeiten die maroden Mauern zu befestigen und die Decken abzustützen.
Doch dann geschah etwas, was sämtliche Pläne der Wissenschaftler über den Haufen geworfen hatte. Die gröbsten Sanierungsarbeiten waren abgeschlossen gewesen, die Archäologen wollten nicht mehr länger mit dem Öffnen der Kammer warten und ein Termin wurde festgelegt. Aber dann begann es tagelang zu regnen und in der Nacht vor dem besagten Tag wurde der Großteil der Klosterruine von einem gewaltigen Erdrutsch verschüttet. Damit war nicht nur das Gebäude unzugänglich geworden, damit wurden auch die Pläne der Archäologen bis auf unbestimmte Zeit begraben, denn das finanzielle Budget, die Ruine von den Erd- und Gesteinsmassen freizuräumen, konnte die Universität nicht aufbringen und die öffentliche Hand verweigerte damals jegliche Unterstützung.
Es hatte langwierige Verhandlungen und unermüdliche Überzeugungsarbeit gebraucht, etliche Jahre waren ins Land gegangen, bis endlich Gelder bewilligt wurden, die es erlaubten, die Arbeiten an der Klosterruine wieder aufzunehmen.
Nachdem die Schäden, die der Erdrutsch verursacht hatte, untersucht worden waren, hatte man festgestellt, dass die meisten Mauerbefestigungen und Deckenstützen den Erdmassen getrotzt hatten. Offensichtlich war vor zwanzig Jahren gute Arbeit geleistet worden. Nur die Decke vor der geheimnisvollen Tür war vollständig eingestürzt und hatte den Eingang in den verborgenen Raum verschüttet. Zuerst mussten die Steine weggeschafft werden, bevor überhaupt an ein Öffnen der Kammer zu denken war. Wieder wurde die Geduld der Archäologen auf eine harte Probe gestellt. Doch nun war es endlich soweit. Zwanzig Jahre, drei Monate und zwölf Tage nach dem ersten offiziellen Öffnungstermin stand Jocasta als Leiterin der Ausgrabungen vor der wuchtigen Holztür und spürte die nervöse Anspannung, die ihren gesamten Körper zum Vibrieren brachte. Hinter sich wusste sie ihre Kollegen Clint the Pint und Geoffrey Campbell, außerdem Brian sowie Susan und Paula, die die archäologische Abteilung für diese Ausgrabung als Volontäre beschäftigt hatte.
„Wo ist eigentlich Colegate?“, erklang da die sonore Stimme Geoffreys. Er war mit seinen 53 Jahren der Älteste vor Ort und als alter Hase wusste er natürlich genau um den Fauxpas, den das Öffnen der Kammer ohne den Leiter der archäologischen Abteilung bedeutete. Und er wusste, wieviel Ärger damit verbunden sein würde.
Bevor Jocasta antworten konnte, erklärte Brian: „Ich konnte ihn nicht erreichen.“
„Vielleicht sollten wir warten“, merkte Geoffrey an, doch klang er nicht recht überzeugt. Auch ihn hatte das Fieber gepackt und die Aussicht, hier stundenlang auf Edward Colegate zu warten, wo doch das Ziel so greifbar nahe lag, erschien ihm als nicht sehr erstrebenswert.
„Sollten wir?“, fragte Jocasta in die Runde. Sie wusste, wie es ausgehen würde, noch bevor der erste geantwortet hatte.
„Also, ich für meinen Teil, möchte jetzt wissen, was hinter dieser Tür liegt“, meinte Clint ohne Umschweife.
„Ich auch“, stimmte ihm Susan zu.
Paula, die als Rentnerin ausreichend Zeit hatte, die sie in den Dienst der Wissenschaft stellen wollte, nickte nur.
„Na gut“, lenkte schließlich auch Geoffrey ein, „fangen wir an.“
„Ja!“, erklang Clints rauchige Stimme, „lasst uns diese verdammte Tür aufmachen.“
„Okay“, erwiderte Jocasta ruhig. Da das Holz sich durch den Erdrutsch stark verzogen hatte, würde es ein wenig Gewalt brauchen. Also winkte sie Geoffrey zu sich und reichte ihm das Brecheisen. Sie wusste, wenn jemand die nötige Kraft hatte, um diese Tür zu öffnen und gleichzeitig genug Gefühl, um möglichst wenig Schaden dabei anzurichten, so war es Geoffrey Campbell. Er nickte nur, nahm ihr das Werkzeug aus der Hand und trat dicht an die Tür. Noch einmal atmete er tief durch, dann setzte er das Brecheisen an und zog vorsichtig an der Metallstange.
Es knackte verräterisch. Geoffrey setzte ein wenig mehr Kraft ein. Wieder knackte es.
Und dann gab mit einem Krachen das morsche Holz nach.
Geoffrey griff fast ehrfürchtig nach dem Türknauf und zog behutsam. Mit einem gespenstigen Knarren, das allen Anwesenden einen Schauer über den Rücken jagte, ging die Tür auf. Augenblicklich trat Geoffrey zurück.
„Dein Part, Joe“, sagte er ein wenig heiser.
Jocasta versuchte in die dunkle Kammer zu blicken. Muffige, faulige Luft schlug ihr entgegen und sie verzog unwillkürlich das Gesicht. Die Wissenschaft vermutete hier die Bibliothek des Klosters, weshalb sie auch so erpicht darauf gewesen war, diesen Raum zugänglich zu machen. Es wurden Handschriften und kostbare Bücher hier erwartet, viele kleine Schätze aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Vielleicht waren Schriften dabei, die bisher noch nicht entdeckt worden waren, Texte, von welchen noch niemand gehört hatte. Wie viele neue Erkenntnisse konnten sie bringen, wie viele Jahre würden sie die Wissenschaftler zu beschäftigen wissen.
Doch der fauligen Luft nach zu urteilen, schien es in diesem Raum feucht gewesen zu sein und die Wahrscheinlichkeit, dass von den Pergamenten etwas erhalten geblieben war, erschien Jocasta nicht besonders groß. Vielleicht waren die Bücher vor zwanzig Jahren noch intakt gewesen. Möglicherweise war es der verhängnisvolle Erdrutsch gewesen, der diese Feuchtigkeit in der Bibliothek verursacht und damit die Zersetzung des empfindlichen Materials begonnen hatte.
Jocasta spürte eine jähe Enttäuschung, die sie zu überwältigen drohte. Es brauchte all ihre rationale Professionalität, um diese Gefühlsregung zu überwinden und wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Enttäuschungen gehörten schließlich zum normalen Alltag eines Archäologen.
Dennoch konnte sie ein leises Seufzen nicht unterdrücken, als sie sich vorwärts bewegte und den ersten Schritt in den Raum tat. Sofort schaltete sie ihre Taschenlampe ein und ließ den Lichtstrahl durchs Dunkel wandern. Als erstes entdeckte sie die Regale an den Wänden, sie hatten also wirklich die Bibliothek des Dominikanerklosters gefunden. Erstaunlicherweise wirkten die Bücher auf den ersten Blick völlig unversehrt. Wie ihr Zustand tatsächlich war, mussten die eingehenderen Untersuchungen erweisen. Trotzdem fasste Jocasta neuen Mut. Vielleicht war ja doch nicht alles verloren.
Sie versuchte, die Anzahl der aufgereihten Bände zu schätzen, gab es jedoch schnell wieder auf, da in der Dunkelheit einfach zu wenig zu erkennen war. Der Raum war größer, als sie erwartet hatte, und schien einen nahezu quadratischen Grundriss zu haben. Jocasta lenkte den Lichtstrahl an die Decke, wo ein großer Leuchter hing, der nun von Staub und Spinnweben überzogen war. Systematisch strahlte sie noch einmal jede Wand an. Bevor sie weiter in den Raum hineinging, wollte sie wissen, was vor ihr lag. So richtete sie die Taschenlampe auf den Boden – und erstarrte.
Keine zwei Meter entfernt lag ein Mensch. Jedenfalls das, was von ihm übrig geblieben war. Dass es ein Mensch war, war auf den ersten Blick an dem bleichen Schädel zu erkennen, der im Licht der Taschenlampe zu leuchten schien. Jocasta erfasste sofort, dass der obere Teil des Toten noch ziemlich intakt zu sein schien, wogegen irgendetwas die Knochen des Unterleibes ein wenig durcheinander gebracht hatte. Vielleicht ein Tier. Oder mehrere Tiere, die sich irgendwie Zugang zu diesem Raum hatten verschaffen können.
Jocasta tippte unwillkürlich auf Ratten.
„Großer Gott“, entfuhr es ihr.
„Was?“, fragte Geoffrey hinter ihr und stellte sich auf die Zehenspitzen, um über ihre Schulter hinwegzusehen. Doch Jocasta wandte sich bereits um und sah nacheinander in die abwartenden Gesichter ihres Teams.
„Jetzt spann uns nicht so auf die Folter, Joe!“, presste Clint hervor.
„Es ist die Bibliothek“, begann Jocasta zögerlich.
„Aber das ist doch noch nicht alles“, mutmaßte Geoffrey.
„Da liegt ein Skelett auf dem Boden.“
„Echt?“, kam es von Brian, der mit weit aufgerissenen Augen zur finsteren Türöffnung blickte.
„Ist es einer der Mönche?“, fragte Paula.
„Könnte es gar der Abt sein?“, stellte Clint mit einer gewissen Sensationsgier in den Raum.
„Ich muss es mir erst genauer ansehen“, wehrte Jocasta alle weiteren Spekulationen ab. Sie griff nach ihrer Tasche, in der sie ihre wichtigsten Werkzeuge und den Fotoapparat wusste, den sie brauchen würde, um alles genau festzuhalten. Das war wichtig bei jedem Fund. Die Position des Fundes, in diesem Fall der einzelnen Knochen, die Liegerichtung, jedes Detail. Mit der Taschenlampe in der einen und der Tasche in der anderen Hand betrat Jocasta die Bibliothek, die für diesen Menschen zum Grab geworden war. Sie stellte ihre Tasche in sicherer Entfernung ab, holte den Fotoapparat heraus und richtete den Strahl der Taschenlampe nach unten. Der Größe nach zu urteilen, lag da ein erwachsener Mensch vor ihr. Es würde also nicht schwer sein, festzustellen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Zwar kannte Jocasta sich damit nicht so genau aus, doch tippte sie auf einen Mann. Alles war von einer grauen Staubschicht überzogen, die einzelnen Knochen und der komplette Oberkörper, die Stoffreste, die von der Kleidung übrig geblieben waren, genauso wie der Boden, auf dem ihre Schritte nun die Profilabdrücke ihrer Sohlen hinterließen. Jocasta berührte zunächst nichts. Sorgfältig fotografierte sie die menschlichen Überreste von allen Seiten, wobei sie peinlich genau darauf achtete, nichts zu verändern oder gar zu zerstören. Natürlich fiel ihr sofort auf, dass der Tote auf der Seite lag. Sein linker Arm war lang über dem Kopf ausgestreckt und direkt vor der linken Hand des Toten lag ein Buch auf dem Boden. Offenbar hatte er es bis in den Tod festgehalten. Es musste ihm viel bedeutet haben. Jocasta verspürte den fast unbändigen Drang, herauszufinden, um welches Buch es sich handelte. Doch sie bezwang ihre Ungeduld. Erst, als sie alles mit der Kamera festgehalten hatte, kniete sie sich neben dem Oberkörper nieder, um die Stoffreste etwas genauer zu untersuchen. War es tatsächlich eine Mönchskutte gewesen? Gab es Anzeichen dafür, dass sie hier den legendären Abt Laurencius vor sich hatte? Sie griff sich einen Pinsel aus ihrer Tasche und begann damit, behutsam den Staub von einem Stück Stoff zu entfernen. Dann leuchtete sie ihn an, um Farbe und Art des Materials besser erkennen zu können. Mit einem leisen Zischen stieß sie die Luft durch die Nase und nickte gedankenverloren. Wieder fotografierte sie zunächst den Stoff, bevor sie die Taschenlampe auf den Boden legte. Erst jetzt griff sie vorsichtig nach dem Buch. Sie fühlte das glatte Leder des Umschlags unter ihren Fingern, bemerkte das enorme Gewicht des großen, dicken Bandes. Als sie es aufschlug, spürte sie, wie etwas herausfiel. Es streifte leicht ihre Hand bevor es mit einem kaum wahrnehmbaren Geräusch auf dem Boden landete. Jocasta hatte weder gesehen, was es gewesen war, noch konnte sie erkennen, wo es nun lag, da der Strahl der Taschenlampe auf den Schädel des Toten gerichtet war, der mit hohlen Augenhöhlen zurückstarrte.
Also nahm sie die Taschenlampe und suchte den Boden dort ab, wo sie den geheimnisvollen Gegenstand vermutete. Und tatsächlich, dort lag, direkt neben der Schulter des Toten, ein zusammengefaltetes Pergament im Staub.
Wie gelähmt starrte Jocasta auf das Pergament hinab, das Herz schlug ihr bis zum Hals und sie wagte kaum zu atmen.
„Hey Joe, wie ist die Lage?“
Geoffreys Ruf riss sie aus ihrer Starre. Ihr Blick flog zur Tür, wo sie die Silhouette von Geoffreys mächtiger Gestalt und daneben Clints krausen Lockenkopf dunkel vorm hellen Tageslicht erkennen konnte.
„Bin gleich soweit“, antwortete sie so gleichmütig, wie es ihr möglich war. Dann fixierte sie erneut das Pergament. Ihre Gedanken überschlugen sich.
Ihr war klar, dass ihre Kollegen von der Tür aus nichts von dem eigenartigen Fund hatten sehen können, da der Oberkörper des Toten die Sicht auf das Pergament versperrte. Niemand wusste von der Existenz dieses Schriftstückes. Niemand. Außer ihr.
Einen Moment zögerte sie.
Aber dann folgte sie einer inneren Regung, einem Gefühl, das sie nicht hätte erklären können, dass jedoch so stark war, dass sie ihm nachgeben musste. Mit zitternden Fingern griff Jocasta nach dem Pergament, richtete den Strahl der Taschenlampe auf die Tür, so dass ihre wartenden Kollegen genervt protestierten, als sie so unerwartet geblendet wurden, und nutzte diesen kurzen Augenblick der Verwirrung, um das Pergament in ihrer Arbeitstasche verschwinden zu lassen.
„Entschuldigung“, rief sie zur Tür hin. Sie merkte, dass ihre Stimme leicht bebte. Genauso wie ihre Hände. Jocasta atmete tief durch. Sie musste sich jetzt zusammenreißen.
Langsam stand sie auf, griff nach ihrer Tasche und trat aus der finsteren Bibliothek ins Freie. Geoffrey und Clint waren bereitwillig zur Seite getreten, um ihr Platz zu machen. Jetzt stand ihr Team im Halbkreis vor ihr, die Gesichter vor Neugier angespannt, die Blicke fragend auf sie gerichtet.
„Und?“, brach Clint the Pint das Schweigen. „Ist es der alte Laurencius? Soll ich Thompson rufen?“
Gary Thompson war als forensischer Archäologe der Fachmann für Knochen.
Jocasta schüttelte den Kopf.
„Wir werden Gary nicht brauchen“, erwiderte sie gelassen und als sie die fassungslosen Mienen vor sich sah, erklärte sie: „Laurencius wird wohl kaum eine Jeansjacke getragen haben.“
Im ersten Moment herrschte Stille.
„Eine Jeansjacke?“ Geoffreys Stimme klang noch immer ungläubig.
„Und eine silberne Armbanduhr“, sagte Jocasta gleichmütig. „In diesem Fall ist nicht die Archäologie zuständig, sondern die Polizei.“
