Blauschnabel
Viernau, Thomas L.

XOXO-Verlag, ein Imprint der Eisermann-Media GmbH

Taschenbuch, paperback, 125 Seiten, 125 Abb.

EAN 3967521028
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18,90 € [D], SFr. 0,– [CH], 18,90 € [A]

Tod im Atlantik

In einer Bucht auf den Färöer-Inseln, mitten im Nordatlantik, treibt die Yacht „Undine“, verlassen von ihrer Besatzung. Es stellt sich heraus, dass der elegante Zweimastsegler dem Staatssekretär a.D., Dr. Wigbert Eugen Kupfer, gehört. Linthdorf, der Brandenburger Kommissar, der bereits mehrfach mit dem sinistren Staatssekretär zu tun hatte, wird beauftragt, die Behörden vor Ort zu unterstützen. Was ursprünglich nur eine Suche nach der vermissten Crew der „Undine“ war, stellt sich bald als eine handfeste Mordermittlung heraus. Ein Mann war kurz vor Ankunft der Yacht auf den Färöern über Bord gegangen. Ein Unfall?

Kurze Zeit später wird die Leiche des Kapitäns der „Undine“ im kalten Wasser des Atlantiks entdeckt.  Linthdorf zweifelt wieder an der Unfalltheorie. Die Suche nach den Tätern führt Linthdorf quer durch die nordatlantische Inselwelt, nach Island, auf die Orkneys und die Shetlands und auf eine Ölbohrplattform namens „Gannet Alpha“. Neben der Jagd nach dem umtriebigen Dr. Kupfer und dessen Hintermännern erlebt der Ermittler ein ganz besonderes Abenteuer. Er kommt den Seevögeln, speziell den eleganten und wunderschönen Basstölpeln, die auf den Färöern brüten, sehr nahe. Einer von ihnen wird sogar sein Freund: er wurde von einem einheimischen Ornithologen auf den Namen „Blauschnabel“ getauft.

Eine weitere Yacht, die „Melusine“ taucht auf, mit ihr wird alles noch viel komplizierter. Linthdorf und seine Freunde müssen sich mit den Machenschaften einer perfiden Bande international agierender Finanzjongleure auseinandersetzen, die auch vor Mord nicht zurückschrecken. In einem spannenden Showdown muss der Kommissar all seine Kräfte bündeln um den Tätern auf die Schliche zu kommen und sie unschädlich zu machen.

Viernau, Thomas L.

Viernau, Thomas L.

Unter dem Namen Thomas L. Viernau veröffentliche ich inzwischen seit 2012 Krimis. Ich lebe und schreibe in Brandenburg. Geboren 1963 im thüringischen Suhl, aufgewachsen im Thüringer Wald, dann nach Berlin gekommen, ein Wirtschaftsstudium absolviert, nebenbei stets gezeichnet und gemalt, schließlich auch begonnen zu schreiben… Anfangs journalistisch, später dann auch als Sach- und Reisebuchautor. Im Jahre 2003 erschien mit „Reisen zum Tee“ ein Reisebuch in die Länder des Tees. Meine persönlichen Erfahrungen als Teehändler wurden darin zu kleinen Reisebildern verarbeitet. Mein Lebensmittelpunkt lag damals noch in Berlin. In vielen Jobs habe ich gearbeitet, u.a. als Journalist, Maler/Graphiker, Kaufmann, mich dann selbständig gemacht, immer rastlos auf der Suche…Endlich in Brandenburg fündig geworden. Das Land wurde literarische und auch wirkliche Heimat für mich. Familiär bin ich glücklich geschieden, zudem Vater zweier Söhne und Großvater eines kleinen Enkelsohnes. Jetzt lebe ich mit meiner Lebenspartnerin in der Lausitzmetropole Cottbus, arbeite als Lehrer für Kunst an einem Gymnasium und schreibe weiter fleißig… nicht nur Krimis, auch Reisebilder (u.a. die vierbändige Reihe „Die Farben Brandenburgs“ und „Das verschwundene Berlin“), bewege mich auf historischen Pfaden im Fontaneschen Sinne (u.a. die sechsbändige Reihe „Zeichnungen zu Fontanes Wanderungen“), illustriere dazu noch Bücher und male Bilder. Für meinen Verlag lektoriere und korrigiere ich nebenbei Bücher aus vollkommen anderen Genres. Außerdem pflege ich ein paar ungewöhnliche Hobbys: Kraniche gucken, alte Industriebauten entdecken, Enten füttern, Briefmarken sammeln, Tee trinken, dialoglastige französische Filme ansehen, antiquarische Bücher lesen und sammeln, unnütze Dinge aufbewahren.... genug davon.

Ein aufregendes und erfülltes Leben ist das!

 

Der Untergang der Melusine - ein Auszug aus dem Kapitel:

Scalloway, auf den Shetlands, Großbritannien

Sonntag, 12. Juni, 2011

Dr. Kupfer musste so schnell wie möglich weg von hier. Die Insel war wie eine große Falle. Er telefonierte, neben sich Geoffrey Malcolm, der damit beschäftigt war, seine Wunde mit dem Erste-Hilfe-Kasten zu versorgen. „What happened?“, fragte Kupfer seinen Anwaltsfreund. Malcolm war fix und fertig. Stockend berichtete er von zwei vermummten Gestalten, die kurz nachdem er die beiden Alukoffer abgegeben hatte, lautlos ins Office gestürmt waren und mit Schalldämpferwaffen sofort das Feuer auf seinen Bruder Ethelbert eröffnet hatten. Ethelbert war sofort tot. Er hatte nur Glück, weil er unten im Keller war, um die beiden Koffer im dort befindlichen Tresor einzuschließen. Die Eindringlinge veranstalteten im Office ein großes Chaos, suchten wohl etwas. Ihm wurde in dem Augenblick bewusst, was sie suchten, schnappte sich die beiden Koffer und stürmte aus dem Haus. Glücklicherweise stand da der Lieferwagen und der Rest war bekannt.

Kupfer war zutiefst verstört. Erst die Aktion mit den Polizisten, dann die verschwundene „Undine“ und jetzt noch der Überfall auf die Anwaltskanzlei. Er musste grundsätzlich etwas neu denken. Sein Handy schrillte. Es war eine ihm wohlvertraute Stimme. Kupfer atmete durch. Die Stimme berichtete, dass in Scalloway eine zweite Yacht vor Anker lag. Die „Melusine“ wäre hochseetauglich und bestens geeignet, die „Undine“ zu verfolgen. Ob er sich zutraue, die Yacht zu steuern? Kupfer bejahte…

Zusammen mit Geoffrey würde er das schon packen. Geoffrey besaß ein kleines Segelboot und konnte segeln. Der Lieferwagen setzte sich in Bewegung Richtung Scalloway. Eine dreiviertel Stunde später waren die beiden Männer an Bord der „Melusine“. Geoffrey steuerte die Yacht aus dem Hafen. Kupfer ahnte, wohin die „Undine“ geflüchtet war. Er setzte einen Kurs Nord-Nord-West, Richtung Färöer-Inseln. Der starke Dieselmotor brachte die „Melusine“ auf Kurs. Die Segel zu setzen traute sich Kupfer nicht.

Kurs auf die Färöer-Inseln

Montag, 13. Juni, 2011

Die „Melusine“ pflügte mit knapp dreißig Knoten durch den Ozean. Bis zu den Färöern waren es gut dreihundert Kilometer. Müsste bei dem gegenwärtigen Tempo in gut zehn Stunden zu schaffen sein, dachte sich Dr. Kupfer. Er hatte mit Geoffrey Malcolm sich abgewechselt am Steuerrad. Sie mussten nicht mit dem Wind arbeiten, die „Melusine“ wurde nur von dem Dieselaggregat angetrieben und strebte der Südspitze der Insel Suthuroy zu. Etwas unsicher war sich zwar der Skipper, aber Geoffrey nickte ihm zu, so würde es schon klappen. Ein so großes Boot hatte er noch nicht gesegelt, wie die beiden Großsegel gesetzt werden mussten, entzog sich seiner Kenntnis. Da wäre es schon besser, nur der Motorkraft der Yacht zu vertrauen.Kupfer war es zufrieden. Immerhin konnte er sich dem Zugriff der Polizei entziehen. Und die wertvolle Fracht an Bord der „Undine“ war auch noch nicht verloren. Dennoch, was gestern alles schief gelaufen war, passte überhaupt nicht zum bisherigen Verlauf der Aktion. Okay, es gab Kollateralschäden. Breckhusen war so einer… und auch der Käpt’n gehörte mit dazu. Wegen Breckhusens Abgang musste er das Theater mit der „Undine“ in der Tjörnuvik-Bucht veranstalten. Wie sollte er sonst den Verlust des genialen Geistes und Drahtziehers der gesamten Aktion gegenüber seinen Partnern erklären? So konnte er sich herausreden mit einer imaginären Havarie, der Breckhusen unglücklicherweise zum Opfer gefallen war. Kupfer wusste auch nicht, wem von seiner Crew er wirklich trauen konnte. Stets beschlich ihn ein seltsames Gefühl, wenn er an die Leute dachte, wie sie ihn misstrauisch beobachteten. Und dass er die beiden Koffer von Breckhusen jetzt mit sich herum trug, war auch allen aufgefallen.

Albertine, das dumme Huhn, die er mit links um seinen kleinen Finger gewickelt hatte, selbst diese naive Person war misstrauisch geworden. Musste sich auch der Käpt’n in seinem alkoholvernebelten Jähzorn mit Breckhusen anlegen. Einfach ärgerlich! Eigentlich war Breckhusen selber schuld. Er provozierte den Käpt’n laufend, stellte seine Kompetenz in Frage und war immer schlecht gelaunt, wenn er ihn sah. Ständig musste Kupfer vermitteln zwischen den beiden Hitzköpfen. Dabei war ein Streit das letzte, was während der Aktion gebraucht wurde. Er hatte schon genug damit zu tun, die beiden Frauen bei Laune zu halten.

Kupfer grübelte, wie es der Polizei in Lerwick gelungen war, Kenntnis von seinem Treffen zu bekommen. Gab es doch eine „Nachtigall“ unter seinen Leuten? Was war eigentlich mit McFadden? Seit er ihn auf Isadora angesetzt hatte, hatte er nichts mehr von ihm gehört. Aber McFadden konnte noch gar nichts wissen von dem Treffen. Das hatte sich erst auf Thistle Alpha ergeben. Da war McFadden schon nicht mehr an Bord. Stotter und Knoth? Eher unwahrscheinlich, das waren schlichte Gemüter. Blieb noch Albertine… Was wusste sie wirklich? War sie immer noch sauer auf ihn wegen der Flucht Isadoras? Er wusste, dass ihre Tochter ein aufsässiges Früchtchen war. Von Anfang an hatte er ihr nicht über den Weg getraut. Aber Albertine sagte den Trip nur zu, wenn auch Isadora mitkommen durfte. Und ihre Anwesenheit war wichtig. Nur davon ahnte sie nichts. Der Wind frischte auf, ein eisiger Sprühregen verwandelte das holzbeplankte Deck der „Melusine“ in eine Schlitterbahn. Es galt, vorsichtig zu hantieren. Kupfer wurde von Malcolm abgelöst. Laut Malcolms Berechnungen müsste in den nächsten zwei Stunden die Kliffs des Akraribergs an der Südspitze von Suðuroy auftauchen. Dann müssten sie noch mal zwei bis drei Stunden rechnen bis Thorshavn. Die „Melusine“ wurde nicht gesucht von der färingischen Polizei, damit konnte er sich frei bewegen.

Kupfer war mit den Aussichten ganz zufrieden. Es konnte doch noch alles gut werden. Geoffrey rief nach ihm. Kupfer eilte zum Ruder. Geoffrey zeigte nach oben. Über ihnen kreisten im grauen Wolkenmeer ein paar riesige Möwen. Es waren Mantelmöwen, die größten ihrer Art im Atlantik. Laut kreischend segelten sie im Wind vor der „Melusine“. Kupfer gefiel das nicht. Geoffrey meinte, dass die Färöer nicht mehr weit seien. Die Vögel kämen von da. Kupfer schnappte sich die Seekarte und studierte die Küsten der Färöer. Thorshavn lag an der Ostküste von Streymoy. War es wirklich eine gute Idee, Thorshavn anzulaufen? Die Chance, die „Undine“ zu erwischen, war sicherlich in Thorshavn am höchsten.

Atlantik vor Suðuroy, Färöer-Inseln

Montagabend, 13. Juni, 2011

Die Entscheidung, doch nicht Thorshavn anzusteuern, war gefallen. Kupfer hatte sich dazu entschlossen, die westliche Route um die Inseln zu nehmen. Die „Melusine“ konnte in einem kleineren Hafen vor Anker gehen und Kupfer wollte sich auf dem Landweg Thorshavn nähern und Ausschau nach der „Undine“ halten. Geoffrey zeigte auf dem Radar eine heranziehende Gewitterfront. Über diverse Kanäle wurde vor der Sturmfront gewarnt. Ein Grund mehr, sich zu beeilen. Der Sturm näherte sich aus nordöstlicher Richtung. Würde die „Melusine“ es noch rechtzeitig schaffen, Suðuroy zu erreichen und dort an der geschützten Westküste zu bleiben, wären sie auf der sicheren Seite. Kupfer hatte keine Lust auf stürmisches Wetter auf hoher See, ihm reichte bereits der übliche Wellengang. Die Sommerstürme auf dem Atlantik waren nur kurz, dafür aber heftig. Sie galten als ausgesprochen unangenehm und hatten oftmals verheerende Folgen. Viele Segelboote nutzten die warmen Monate für ihre Törns, im Winter war daran nicht zu denken. Wer nur mit einem einfachen, kleinen Boot ausgestattet war, hatte schlechte Karten. Der Sturm ging mit diesen Booten schlecht um, viele kenterten oder erlitten Schiffbruch in den unwegsamen Klippen vor den Felsküsten. Die „Melusine“ war eine hochseetaugliche Yacht. Sie dürfte einem Sturm trotzen, dennoch hatte Kupfer keine Lust zu testen, was das Boot aushalten würde.

Mit Geoffrey hatte er sich bereits unterhalten, der im Übrigen derselben Meinung war. Ihm reichten die stürmischen Wetterlagen auf den Shetlands. Das Leben auf den Inseln am äußersten Rand des Königreichs war vollkommen anders als auf den netten, angenehmen Kanalinseln. Dort war ständiger Frühling, nur selten kam es zu einem Sturm. Aber leider mussten die Malcolms die paradiesische Welt auf Guernsey mit seinen blühenden Gärten und kleinen, adretten Dörfern verlassen. Der Unterschlupf auf den Shetlands war auch nur für eine kurze Zeit geplant. Solange, bis Gras auf der Angelegenheit gewachsen war, die sie zur Flucht in den Norden gezwungen hatte. Den Kurs hatten sie bereits geändert, als die ersten Vorboten des Sturms sie erreichte. Böige Winde brachten die Yacht in eine gefährliche Schieflage, die Sturmvögel flogen gefährlich tief über die immer höher werdenden Wellenkämme, die inzwischen allesamt mit einer weißen Gischtkrone bedeckt waren. Das Wasser war bleigrau, fast schwarz und am Horizont verdunkelte sich der Himmel. Die Sonne schickte ein fahles Licht durch die Wolken über ihnen. Es war die entsetzliche Ruhe vor dem Sturm. Alle Anzeichen waren bereits vorhanden, aber es blieb immer noch relativ sicher. Kupfer spürte ein gewisses Unbehagen in sich aufsteigen. Auch Geoffrey schien mit der Situation zu hadern. Sie hatten unter Deck sturmsichere Kleidung gefunden, imprägnierte Anoraks, Gummistiefel und sogenannte Anglerhosen, die wie eine großzügige Latzhose gearbeitet waren.

So ausgerüstet hofften sie, den entfesselten Naturgewalten zu trotzen. Malcolm rief Kupfer zu, das vor ihnen Land in Sicht war. Eine graublaue Skyline mit einem weißen Stäbchen auf der Spitze war zu sehen. Das musste der Akrariberg mit seinem weißen Leuchtturm sein! Sie waren kurz vor Suðuroy! Erleichtert klatschten sie sich mit den Händen ab. Geschafft!    

Küste zwischen Suðuroy und Vágar, Färöer-Inseln

Montagnacht, 13. Juni, 2011

Die „Melusine“ tuckerte bei schwerem Seegang der Küste Suðuroys folgend gen Norden. Leider war die Westküste der Insel vollkommen ungeeignet, in einer geschützten Bucht vor Anker zu gehen. Zu den schmutzigweißen Sturmvögeln gesellten sich inzwischen noch andere wagemutige Flugkünstler. Ihre Rückenpartie war dunkel mit einem an Perlenketten erinnernden hellen Muster, sie krakeelten auch, stießen aber im Gegensatz zu den gellenden Rufen der Sturmvögel und dem unmelodischen Kreischen der Schwarzkopfmöwen unheimlich wirkende, heiser krähende und gackernde Laute aus. Es waren Atlantiksturmtaucher, eine Vogelart, die nur selten an Land zu sehen war. Sie lebten die meiste Zeit auf dem Meer, kamen selbst zur Brutzeit nur in den Nachtstunden an Land, um ihre Nester zu versorgen. Malcolm wusste über diese Vögel Bescheid, aber Kupfer interessierte sich überhaupt nicht dafür. Ihm waren die lauten, aufdringlichen Seevögel eher lästig.  

Über der „Melusine“ braute sich etwas zusammen. Der Sturm, der bereits an der Ostküste der Insel Fahrt aufgenommen hatte, war nun auch an der Westküste angekommen. Die Hügelwelt Suðuroys konnte ihn nicht aufhalten.

Die Yacht wurde hin und her geworfen von den tückischen Winden, die aus allen Richtungen zu blasen schienen. Das Meer türmte sich zu immer größeren Wellenbergen auf. Das Deck der „Melusine“ wurde dauernd mit Wassermassen geflutet, hatte kaum noch Zeit abzufließen, denn schon folgte die nächste kalte Dusche. Die beiden Männer an Bord hatten sich mit Sicherungsseilen angekettet, um nicht über Deck mit ins Wasser gezogen zu werden. Den Motor hatten sie ausgeschaltet, dennoch flog die „Melusine“ mit erstaunlicher Geschwindigkeit übers Wasser. Der Sturm trieb sie unerbittlich Richtung Westen.

Geoffrey Malcolm hatte zu tun, mit dem Ruder den Kurs zu halten. Immer wieder wurden sie abgedrängt. Heftiger Regen hatte eingesetzt und brachte zusätzlich Wasser von oben. Trotz ihrer Sturmschutzkeidung waren beide Männer vollkommen durchnässt. Wie es das Wasser geschafft hatte unter die Kleidung zu kommen, war ein Rätsel, auf alle Fälle spürten sie die Eiseskälte des Wassers, die sich auch langsam in ihnen breit machte. Besorgt spürte Kupfer, wie in seinen Beinen so etwas wie Kribbeln und eine Taubheit begann, die ihn beunruhigte. Der Sturm dauerte nun schon drei Stunden und schien gar nicht mehr aufhören zu wollen. Im Gegenteil, er nahm noch weiter an Intensität zu. Kupfer konnte nicht mehr unterscheiden, was Regenwasser und was Meerwasser war, was ihm ins Gesicht spritzte. Es war nur eiskalt und nass. Mit ohrenbetäubendem Lärm brach gerade der Vordermast und verschwand über Bord ins Meer. Die beiden Männer erstarrten, als sie den Mast knicken sahen. Es war ein seltsames Schauspiel des Zerstörens, was direkt vor ihnen ablief. Zehn Minuten später krachte auch der zweite Mast gefährlich nahe an ihnen vorbei ins Meer. Kupfer musste schlucken. So etwas hatte er nicht erwartet. Sollte der Sturm die „Melusine“ doch wider besten Wissens zerstören können?

Sie galt als unsinkbar. Jedenfalls war ihm das versichert worden, als er die „Undine“ kaufte. Und die „Melusine“ war ihr ziemlich ähnlich. Kupfer war sich nicht mehr sicher, ob das Wort „unsinkbar“ möglicherweise eine ganz andere Bedeutung hatte. Vielleicht waren Sturmschäden davon ausgeschlossen. Immerhin war der Rumpf der Yacht noch unbeschädigt. Der Sturm trieb das beschädigte Schiff weiter Richtung Westen. Die Küstenlinie von Suðuroy verschwand, Sandoy und die kleineren Inseln waren überhaupt nicht zu sehen, irgendwo rechterhand waren grau aufragende Felszacken zu erahnen. Sie gehörten schon zu Vágar, dessen Südküste abweisend und felsig war. Kein guter Ort zum stranden. Geoffrey Malcolm schüttelte den Kopf, nein, ganz sicher würde er die „Melusine“ nicht in diese Richtung steuern. Kupfer wusste, dass die Gegend hinter Vágar etwas ungefährlicher wurde. Die Passage zwischen Mykines und Vágar würde etwas Schutz bieten und dort wäre auch die Küste Vágars nicht mehr so felsig, so dass eine schützende Bucht, die den schönen Namen Sørvágsfjørður hatte, angesteuert werden könnte. Sørvágur mit seinem schützenden Hafen dürfte auch nicht mehr weit sein. Doch dazu mussten sie die beiden Felsinseln Tindhólmur und Gáshólmur passieren, die am Eingang der Bucht wie zwei Wächter platziert waren. Bei schönem Wetter war es ein Leichtes, zwischen den Felszacken hindurch zu segeln. Doch bei diesem Sturm würde es schwierig werden.

Sollten sie das Wagnis eingehen? So viele Ausweichmöglichkeiten hatten sie nicht. Die Küste der vorgelagerten, westlichsten Insel Mykines bot keinerlei Schutz bis auf die kleine Bucht, die jedoch zu finden im Sturmgetöse wäre eine Glückslotterie.  Also steuerte Geoffrey die „Melusine“ Richtung der Felszacken. Tindhólmur mit seinem steil aufragenden, an einen Haifischzahn erinnernden Fels war gut zu sehen. Drangarnir tauchte ebenso plötzlich vor ihnen aus den Wellen auf. Eigentlich waren es zwei Felsen, aus denen sich Drangarnir zusammensetzte. Der große, beeindruckende Zacken mit der Durchfahrt in der Mitte war Stori Drangur, der kleine, tückische Litla Drangur versteckte sich etwas hinter seinem großen Bruder, war erst spät zu sehen. Geoffrey Malcolm kannte sich in den Gewässern um die Färöer nicht wirklich gut aus und Kupfer, der bereits hier herum geschippert war, hatte dafür eigentlich kein Interesse. Um die Navigation hatten sich Hein Stotter und Ebbo Knoth gekümmert. Kupfer fluchte, die beiden Seemänner nicht hier zu haben. Aber es nützte im Moment auch nichts. Die „Melusine“ wurde wie ein Spielzeug von Riesenhänden herumgestoßen und war alles andere als leicht zu dirigieren. Sie hatten zu tun, die Yacht aufrecht zu halten und ungefähr den Kurs zu fahren, der sie in die Bucht von Sørvágur bringen sollte.

Bedrohlich nah türmte sich vor ihnen Stori Drangur auf. Im letzten Moment entdeckten sie die Durchfahrt in der Mitte des Felseilandes. Die „Melusine“ schoss durch den kleinen Tunnel. Gerade so hatten sie es geschafft, die Yacht ohne zu touchieren hindurch zu lenken, als eine gewaltige Böe sie Richtung Tindhólmur warf. Tindhólmur, auf Deutsch Zinkeninsel aufgrund der steil aufragenden Felsformation, die den größten Teil des Eilandes einnahm, war direkt vor ihnen. Riesig türmten sich die Zinken Ytsti, Arni, Lítli, Breiði und Bogni, auf Deutsch Äußerer Zinken, Adlerzinken, Kleiner Zinken, Breiter Zinken und Gebogener Zinken vor ihnen in den Himmel, der immer noch alle Schleusen geöffnet hatte. Malcolm riss das Steuerrad herum, doch es war zu spät. Die „Melusine“ hatte bereits mit den vorgelagerten Klippen eine erste Bekanntschaft gemacht. Es knirschte unheimlich, als sie über die Felsklippen glitt.

Kupfer wurde es übel, als er das Geräusch registrierte. Auch Malcolm war schreckensbleich geworden und krallte sich mit den Händen fest ans Steuerruder. Drohende Riesen gleich waren die Felsformationen Tindhólmurs so nah wie es nicht gut für die Yacht war. Das Meer warf sich mit aller Wucht gegen die Felsklippen des großen Haifischzahns. Und auf den Wellen tänzelte die angeschlagene „Melusine“ ihren letzten Tanz.  Mit einem großen Knall riss die Backbordseite auf. Die Yacht hatte an einer scharfkantigen Klippe wieder touchiert. Die Kräfte, die im Moment den Rumpf der „Melusine“ hin und her rissen, kannten kein Erbarmen. Wasser drang in den Rumpf des Bootes ein, sie krängte jetzt schon. Ein weiteres Krachen am Bug  hatte auch dort ein großes Leck geschlagen. Die elegante Bugfront der „Melusine“ existierte nicht mehr. Den letzten Schlag versetzte eine weitere, schwere Sturmattacke. Die „Melusine“ war zehn Meter hinaufgestiegen, getragen von einer Monsterwelle, die krachend an der Klippe vor Tindhólmur barst. Der geschundene Rumpf der Yacht stürzte aus zehn Meter Höhe hinab auf das gurgelnde und zischende Wasser zwischen den Klippen. Sie zerbrach in zwei Teile, die schnell sanken.

Nichts war mehr zu sehen vom Todeskampf der „Melusine“. Nach einer Stunde flaute der Sturm ab. Das Meer beruhigte sich erstaunlich schnell und die Luft war wieder klar und rein. Die Felsenwelten von Drangarnir, Tindhólmur und Gáshólmur lagen unwirklich schön in dem spiegelglatten Tiefblau des Meeres.