Krähwinkeltod
Viernau, Thomas L.

XOXO-Verlag, ein Imprint der Eisermann-Media GmbH

Taschenbuch, paperback, 88 Seiten, 88 Abb.

EAN 3967520153
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14,90 € [D], SFr. 0,– [CH], 14,90 € [A]

Linthdorfs Gespür fürs Kriminelle...

In einem vergessenen Winkel Brandenburgs passieren zahlreiche Unfälle, die auch die Aufmerksamkeit des Kriminalisten Linthdorf für die Ereignisse im Vorwerk Krähwinkel wecken. Angefangen hatte es mit einem toten Bürschchen, das von niemandem vermisst wurde. Eine Abrechnung im Kleinkriminellenmilieu … vermuteten die Ermittler. Doch die folgenden Ereignisse ließen Zweifel an der einfachen Lösung aufkommen. Ein schrecklicher Haushaltsunfall einer alleinstehenden Witwe, der Unfalltod eines landstreichernden Rentners und die Pilzvergiftung eines unbescholtenen Ehepaars – alles passierte innerhalb von vierundzwanzig Stunden und am selben Ort – eben jenem stillen und beschaulichen Dörfchen namens Krähwinkel. Auch der Tote aus dem nahegelegenen Forellenzuchtteich und der Brand eines Einfamilienhauses im Ort ließen vermuten, dass etwas Böses im Dorf Einzug gehalten hatte. Linthdorf stocherte wieder mal im Nebel. Überall stieß er bei seinen Recherchen auf eine Mauer des Schweigens. Erst seine Suche in den Archiven brachte einen Anhaltspunkt. Krähwinkel war trotz seiner abgeschiedenen Lage im Brennpunkt diverser Interessengruppen. Was er in mühsamer Kleinarbeit ans Licht der Öffentlichkeit brachte, war ganz ungeheuerlich. Die Geister der Vergangenheit hatten die Siedlung fest im Griff. Eine Sisyphusarbeit für den Kommissar und seine Helfer.

Viernau, Thomas L.

Viernau, Thomas L.

Unter dem Namen Thomas L. Viernau veröffentliche ich inzwischen seit 2012 Krimis. Ich lebe und schreibe in Brandenburg. Geboren 1963 im thüringischen Suhl, aufgewachsen im Thüringer Wald, dann nach Berlin gekommen, ein Wirtschaftsstudium absolviert, nebenbei stets gezeichnet und gemalt, schließlich auch begonnen zu schreiben… Anfangs journalistisch, später dann auch als Sach- und Reisebuchautor. Im Jahre 2003 erschien mit „Reisen zum Tee“ ein Reisebuch in die Länder des Tees. Meine persönlichen Erfahrungen als Teehändler wurden darin zu kleinen Reisebildern verarbeitet. Mein Lebensmittelpunkt lag damals noch in Berlin. In vielen Jobs habe ich gearbeitet, u.a. als Journalist, Maler/Graphiker, Kaufmann, mich dann selbständig gemacht, immer rastlos auf der Suche…Endlich in Brandenburg fündig geworden. Das Land wurde literarische und auch wirkliche Heimat für mich. Familiär bin ich glücklich geschieden, zudem Vater zweier Söhne und Großvater eines kleinen Enkelsohnes. Jetzt lebe ich mit meiner Lebenspartnerin in der Lausitzmetropole Cottbus, arbeite als Lehrer für Kunst an einem Gymnasium und schreibe weiter fleißig… nicht nur Krimis, auch Reisebilder (u.a. die vierbändige Reihe „Die Farben Brandenburgs“ und „Das verschwundene Berlin“), bewege mich auf historischen Pfaden im Fontaneschen Sinne (u.a. die sechsbändige Reihe „Zeichnungen zu Fontanes Wanderungen“), illustriere dazu noch Bücher und male Bilder. Für meinen Verlag lektoriere und korrigiere ich nebenbei Bücher aus vollkommen anderen Genres. Außerdem pflege ich ein paar ungewöhnliche Hobbys: Kraniche gucken, alte Industriebauten entdecken, Enten füttern, Briefmarken sammeln, Tee trinken, dialoglastige französische Filme ansehen, antiquarische Bücher lesen und sammeln, unnütze Dinge aufbewahren.... genug davon.

Ein aufregendes und erfülltes Leben ist das!

Im Banne des Uranus - Auszug aus dem Kapitel:

Krähwinkel, Haus Nr. 12

Montag, 12. November 2007

Die letzten Nächte waren wolkenverhangen. Doch die Nacht vom Montag zum Dienstag präsentierte sich in funkelnder Sternenpracht. Der Mond war nur eine dünne Sichel und kaum zu erkennen am schwarzblauen Firmament.Bestes Sternenguckerwetter. Der einsame Mann auf dem Dachboden, der sich mit viel Hingabe seinem Hobby widmete, war der pensionierte Lehrer Herbert Golm. Seit dem nächtlichen Vorfall im September war Golm nicht mehr auf seinem Dachboden gewesen. Die Ereignisse hatte in ihrer Intensität und kurzen Aufeinanderfolge seinen Rhythmus nachhaltig gestört. Die meiste Zeit saß er seitdem in seinem Sessel und brütete vor sich hin. Immer wieder schweiften seine Gedanken zurück in die Vergangenheit. Er sah Doris Lehmbeck in ihrem geblümten Frühlingskleid auf dem Heideweg vor sich her tänzeln, sah die vielen Uniformierten auf der Suche nach dem Panzer und dessen Besatzung, sah die trunkenen Dorfbewohner laut grölend feiern, erlebte noch einmal in Gedanken die Millennium-Silvesterfeier … Ganz langsam schüttelte er seinen ergrauten Kopf. Nein, man konnte die Zeit nicht mehr zurückdrehen. Mit einer gewissen Verbitterung wandte er sich wieder seinen Sternenkatalogen zu.

Was waren hier ein paar Jahre! Ein Wimpernschlag! Nichts bedeuteten Jahrhunderte, Jahrtausende, eine Million Jahre – im kosmischen Maßstab galten irdischen Zeiträume wenig.

Ihm schwindelte, wenn er daran dachte, dass die Gesteinskugel auf der er lebte, bereits seit viereinhalb Milliarden Jahren ihre Bahn um ihr Zentralgestirn zog. Eine Zahl jenseits menschlicher Vorstellungskraft. Schon ein Zeitraum von hundert Jahren wurde hier auf der Erde als unglaublich lang empfunden. Ein Menschenleben reichte gerade mal so aus, eine solche Zeitspanne zu überbrücken. Vielen war es jedoch nur vergönnt, gerade ein paar Dezennien zu erleben. Wieder musste er an Doris Lehmbeck denken. In der Blüte ihres Lebens wurde sie jäh ausgelöscht. Bis jetzt galt der seltsame Unfall als ein mysteriöses Ereignis. Golm war wie vom Schlag gerührt, als er die Nachricht bekam.

Er fiel in ein tiefes, schwarzes Loch. Viele Jahre hatte es gedauert, bis er sich wieder herausgearbeitet hatte. Ein dunkler Schatten lag seitdem auf seiner Seele. Einzig, wenn er auf seinem Dachboden war, durch seine Fernrohre in den Nachthimmel schaute und das Funkeln der Sterne beobachtete, verschwand der Schatten für eine kurze Zeit. Golm hatte sich arrangiert. Keinem im Dorf war er jemals aufgefallen. Er war der Sternengucker, ein Sonderling und Eigenbrötler. Respektvoll grüßte man ihn, aber das war schon alles. Ihm war das ganz recht. Seit er pensioniert war, hatte er sich noch mehr zurückgezogen und verließ sein Haus nur, wenn er etwas einkaufen musste. Wieder wollte er sein Okular auf den fernen Planeten Uranus ausrichten. Er blätterte in diversen Tabellen, justierte sein Gerät mehrfach, schaute durch die Präzisisonsoptik ins All, war fasziniert vom Glitzern der Sterne. Endlich entdeckte er den kleinen, schwach leuchtenden Planeten, der Uranus sein musste. Vorsichtig justierte er die Brennweite seines Fernrohrs, das schwache Lichtpünktchen entwickelte sich zu einem türkisblau leuchtenden Scheibchen. Ein beeindruckender Anblick - Uranus!

Ein Eisriese. Bis vor wenigen Jahren wusste man fast nichts über ihn. Dann flogen die beiden Sonden Voyager 1 und 2 an ihm vorbei, sendeten gestochen scharfe Bilder von dem fernen Planeten, entdeckten, dass er ein Ringsystem hatte, weniger spektakulär als bei seinem Nachbarn Saturn, doch immer noch aufregend genug. Außerdem stellten die Astronomen und Planetenforscher fest, dass die Drehachse des Uranus um fast 90 Grad gekippt war, so dass der Eisriese um die Sonne „kullerte“ wie eine riesige Murmel. Wahrscheinlich war Uranus mit einem großen Körper kollidiert, der seine ungewöhnliche Achsenneigung hervorgerufen hatte. Golm wusste das. Er las alles, was es zu den Planeten, den Sternen und sonstigen Welten des Universums zu lesen gab. Es war eine Flucht vor dem Hier und Jetzt. Das Leben in Krähwinkel hatte für ihn keinen besonderen Sinn mehr. Seit dem Tod von Doris Lehmbeck war der Ort ihm verhasst. Schon oft hatte er daran gedacht, wegzuziehen, doch jedes Mal verließ ihn der Mut, wenn er daran dachte, was zu organisieren war.

Und überhaupt, wo wollte er denn hin? In die Stadt?

Nach Wittstock? Oder Neuruppin?

Er kannte doch kaum jemanden dort. Städte waren laut und hektisch. Es wimmelte von fremden Menschen. Furchtbar!

Dann blieb er doch lieber hier, auch wenn ihm die Krähwinkler zutiefst suspekt geworden waren. Immerhin hatte er sein Haus, den Garten und seinen Dachboden mit den Fernrohren. Seine Flucht vor dem unerträglichen Alltag. Manchmal träumte er, dass er an Bord der Voyager-Sonde war und deren Begegnungen mit den Planeten und den Monden miterleben würde. Ein unglaubliches Glücksgefühl durchströmte ihn dabei, er sah den gewaltigen Jupiter mit seinen farbigen Streifen und dem großen roten Fleck, flog ganz nah an dessen großen Monden vorbei, dem schwefelgelben Io, dem eisüberzogenen Europa, dem graublau schimmernden Ganymed und dem dunkelgrauen Kallisto, zog in einem eleganten Bogen mitten durch die Eispartikel der Saturnringe, tauchte in die orangene Atmosphäre des Titan ein, rauschte am türkisfarbenen Uranus vorbei, streifte kurz den tiefblau schimmernden Neptun und überflog den eisspuckenden Mond Triton … Ach, was für eine Tour. Dann schlug er die Augen auf, starrte ins Halbdunkel seiner Schlafkammer und grübelte. Er kam immer wieder ins Grübeln, wenn er an Doris dachte. Ihr Tod – das war ungerecht. Ein Unfall! Pah! Er glaubte nicht mehr, dass es ein Unfall war. Doris war eine gute Autofahrerin, neigte zu keinerlei Eskapaden und kannte den Weg. Nein, da stimmte etwas nicht. Doch so oft er sich den Kopf zerbrach, er konnte keinen Ansatz finden, der seine Ahnung bestätigte. Alles war mustergültig dokumentiert worden. Doris war zu schnell gefahren und in einer Kurve hatte sie die Kontrolle über das Auto verloren. Doris fuhr doch nicht zu schnell! Sie kannte die Strecke, wusste mit welchem Tempo jede Kurve zu fahren war. Da stimmte doch etwas nicht. Golm spürte, dass der Ansatz mit der zu hohen Geschwindigkeit nicht richtig sein konnte. Laut Polizeibericht war sie erheblich zu schnell. Das Auto war gegen einen Baum geprallt und hatte sich zwei Mal überschlagen. Mindestens 110 km/h musste sie gefahren sein, um genügend Energie für die beiden Überschläge zu haben. Das hatte ein Polizist ausgerechnet. Grundsätzlich fuhr Doris nie über hundert. Solche Geschwindigkeiten waren ihr unheimlich. Aber der Polizeibericht war auch eindeutig. Etwas stimmte nicht. Golm war sich sicher.

Lange Zeit konnte er seinen Argwohn besänftigen. Doch die Ereignisse der letzten Wochen hatten seinen Argwohn aufs Neue geweckt. Plötzlich war der Unfall wieder präsent. Golm spürte, dass die Ereignisse von damals etwas mit den gegenwärtigen Vorfällen zu tun hatten. Ob er mal über seine Zweifel mit dem Kriminaler sprechen sollte? Wer weiß, vielleicht ermittelte der bereits in Krähwinkels Vergangenheit? Seit den seltsamen Unfällen war eine gewisse Unruhe in der Siedlung zu verspüren. Golm beobachtete die Bewohner genau, schien es zu riechen, dass im Ort die blanke Angst Einkehr gehalten hatte.

Wer wird der nächste sein? Was musste noch passieren, damit die Leute aus ihrer Deckung kamen? Wer verliert die Nerven? Wer bleibt gelassen?

Golm registrierte alles und versuchte, das Gesehene und Gehörte miteinander zu verbinden. Doch es ergab kein sinnvolles Bild. Wahllos schien das Schicksal zuzuschlagen, erzürnte Götter, die furchtbare Rache an allen Einwohnern übten, egal ob nun schuldig oder nicht. Er war bereit. Doch wie durch ein Wunder blieb er bisher verschont. Nein, irgendwo gab es doch wohl noch so etwas wie eine höhere Gerechtigkeit. Alle bisher verstorbenen Krähwinkler hatten ihre Macken und wohl auch eine dunkle Seite. Irene Flumming, die bigotte Matrone, tat immer so scheinheilig, war jedoch eine recht zwielichtige Person. Ihr Mann Hubi, er war nun schon ein paar Jahre tot, hatte öfters mal so etwas angedeutet. Man solle sich vor ihr in Acht nehmen und besser aufpassen, was man sagte. Er habe ziemlichen Respekt vor den Beziehungen seiner Frau. Golm hatte nie viel mit ihr zu tun. Man sah sich, grüßte und ging weiter. Dennoch machte sie stets einen pessimistischen Eindruck, unzufrieden mit sich und der Welt. Und da war noch Ernst Flachbein, der alte Herumtreiber. Ihn hielt es nicht zu Hause, verständlich bei dieser Frau, die den ganzen Tag nur Unzufriedenheit vermittelte. Doch warum waren die Flachbeins so ein seltsames Paar? Die waren doch nicht schon immer so? Golm konnte sich erinnern, die beiden lustig und herzlich erlebt zu haben. Das war schon lange her, bevor der Panzer im Dorf gefunden wurde …

Reinhard Bachhorn, der Kettenraucher, der sein Ende im Forellenteich gefunden hatte, galt lange Zeit als hoher Parteifunktionär den Leuten von Krähwinkel suspekt. Man machte lieber einen Bogen um ihn. Golm hatte keine Berührungsängste, hatte aber dennoch kaum Kontakt zu ihm. Sein Niedergang nach der Wende war irgendwie tragisch, aber auch verständlich.

Und die beiden Kleinschmidts, die an einer Pilzvergiftung gestorben waren, nun ja, um die war es schade. Eigentlich nette Leute, sehr fleißig, sehr aktiv. Es wurde gemunkelt, dass sie etwas angeberisch gelebt hätten. Naja, sie waren ja auch sehr umtriebig. Überall und nirgends. Golm schüttelte den Kopf. Auf deren Tod konnte er sich gar keinen Reim machen.

Tja, und der Brand bei Kruses … Gerade noch mal gut gegangen. Gundula, die olle Schnepfe, sah so verdammt kläglich aus mit dem Rest ihrer Haarpracht auf dem Kopf. Und Gerald, der alte Schwerenöter, stand schnaufend und japsend neben ihr, als ob er einen Marathon gelaufen wäre. Wer konnte es auf diese beiden Langweiler abgesehen haben? Früher galt Gundula ja als aufregende Frau, der alle Männer nachschauten. Aber irgendwann hatte sie einen Stock verschluckt, tippelte nur noch wie eine Aufziehpuppe herum und trug die Nase so hoch, dass es reinregnete. Etwas war geschehen, dass aus der feschen Gundi die alte Schnepfe Gundula gemacht hatte. Golm überlegte, wann das passierte. Noch vor der Wende? Oder erst danach? Was Golm jedoch am meisten beschäftigte, war der gewaltsame Tod des jungen Enrico Lehmbeck. Jemand hatte dem Bürschchen den Hals durchgeschnitten. Was für ein furchtbarer Tod! Er kannte Enrico noch als kleinen Jungen. Ein aufgewecktes, quirliges Kerlchen war er. Pfiffig und freundlich. Doch er verschwand aus dem Blickfeld. Die Großeltern waren überfordert. Lehmbecks waren ja schon weit über Siebzig. Enrico ging stiften. Irgendwo trieb er sich herum. Nichts Genaues wusste man zu erzählen. Und dann tauchte er plötzlich wieder auf. Sein junges Leben wurde ausgelöscht, brutal und rücksichtslos, wie in einer mittelalterlichen Fehde. Enrico war Doris‘ Sohn. Das letzte, was noch an sie erinnerte. Er verschwand genauso gewaltsam wie seine Mutter. Seltsam war das schon …

Golm blätterte in einem Bildband herum, der wunderbare Farbfotos der Planeten enthielt. Endlich war er auf den Uranus gestoßen. Seine Oberfläche war monochrom türkis. Es gab keinerlei Strukturen zu entdecken, die Hinweise auf seine Atmosphäre gaben. Keine Wolkenformationen umkreisten den Planeten, er war seltsam verschlossen, zeigte dem Betrachter nur eine stets gleiche formlose ideale Kugel. Selbst das Ringsystem war dezent und konnte nur im Gegenlicht wirklich wahrgenommen werden. Golm starrte auf die große türkisfarbene Kugel, die umgeben von der Schwärze des Alls noch geheimnisvoller leuchtete. Was für ein unwirklicher Ort war das. Ein paar Planetenforscher hatten Winde in der Atmosphäre des Uranus gemessen, die mit über Siebenhundert Stundenkilometern tobten. Doch von der sicheren Entfernung im Orbit war davon nichts zu spüren. Viele Menschen tickten ebenso. Aus der sicheren Entfernung wirkten sie vollkommen harmonisch und friedfertig. Doch ließ man sich auf sie ein und tauchte in ihr Inneres, stellte man schnell fest, dass es dort ausgesprochen wild und chaotisch zuging. Golm musste lächeln. Als ob die Planetenwelt sich nach der Menschheit richten würde! Was für eine Anmaßung!

Seufzend lehnte sich Golm zurück. Er warf einen Blick auf die Uhr. Kurz vor Drei. Er spürte die Müdigkeit in sich, griff automatisch zur Thermoskanne mit dem heißen, schwarzen Kaffee. Alles schien sich zu wiederholen. Er musste immer wieder an die Nacht im September denken, womit die ungewöhnlichen Ereignisse ihren Anfang nahmen. Als ob jemand einen Deckel von einem sorgsam verschlossenen Topf genommen hätte. Pandora in der Ruppiner Heide. Mit dem unheimlichen Todesschrei des jungen Bürschchens begann alles. Und ein Ende schien immer noch nicht in Sicht. Golm spürte, dass noch weitere Ereignisse folgen mussten. Im Krähwinkel war zwar wieder Ruhe eingekehrt, aber es war eine trügerische Ruhe. Es gärte. Unter der scheinbar friedlichen Oberfläche arbeitete es. Golm hatte es natürlich bemerkt. Die Leute gingen sich aus dem Weg. Außer einem kurzen Gruß wurde nichts mehr miteinander besprochen. Misstrauisch beäugte man einander. Jeder konnte der nächste sein, dem etwas zustieß. Eigentlich hatte er sich nichts vorzuwerfen. Er hielt sich stets abseits und hatte mit den Verstrickungen der übrigen Dorfbewohner nicht viel zu tun. Weder hatte er sich an den lukrativen Schwarzmarktaktivitäten der Dörfler beteiligt noch hatte er mit den Militärs von der nahen Kaserne enge Kontakte gehalten.

Dennoch fühlte sich auch Golm auf indirekte Art und Weise mitschuldig an dem tragischen Geschehen der Vergangenheit. Hätte er den Tod von Dorchen Lehmbeck verhindern können? Wenigstens hätte er aber etwas beitragen können, was ihren seltsamen Unfalltod aufklären half. Er trat an das kleine Fenster und blickte Richtung Dorf. Wieder musste er an die Nacht im September denken, die von dem Todesschrei des jungen Enrico Lehmbeck zerrissen wurde. Immer wieder führte er sich die Szene vor seinem inneren Auge vor. Jedes Mal tauchte der dunkle Schatten auf, der über die schwach beleuchtete Dorfstraße huschte. Golm versuchte zu rekonstruieren, von wo der Schatten kam und wohin er verschwand. Er war sich sicher, dass der Schatten in der Sieben verschwand. Haus Nummer Sieben stand schon jahrelang leer, es gehörte den Lehmbecks. Seltsam, Enrico Lehmbeck wurde ermordet und sein möglicher Mörder flüchtete in sein ehemaliges Elternhaus. Falls der Schatten wirklich auch der Mörder war. Aber wer sollte es sonst sein?

Wenn der Schatten wirklich in der Sieben weilte, musste er doch auch Spuren hinterlassen haben. Nur Geister machten keine Spuren. Ob er selber mal nachsehen sollte? Golm war kein Hasenfuß, aber so einfach in ein fremdes Haus eindringen, auch wenn es schon seit Jahren leer stand, das war noch mal eine andere Sache. Oder lieber doch dem Polizisten das Ganze erzählen? Die hatten auch ganz andere technische Hilfsmittel. Konnten Spuren erkennen, die fürs normale menschliche Auge unsichtbar waren. Golm nickte vor sich hin. Ja, das wäre wohl das Effektivste. Gleich nach dem Frühstück wollte er anrufen. In seiner Jackentasche hatte er die ganze Zeit schon die Visitenkarte des Kommissars aufbewahrt. Ein paar Mal hatte er sich schon dabei ertappt, das Kärtchen einfach wegzuwerfen. Aber etwas hinderte ihn stets daran. Sein schlechtes Gewissen.