Kranichtod
Viernau, Thomas L.

XOXO-Verlag, ein Imprint der Eisermann-Media GmbH

Taschenbuch, paperback, 85 Seiten, 85 Abb.

EAN 3967520110
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14,90 € [D], SFr. 0,– [CH], 14,90 € [A]

Linthdorf ermittelt unter Federtieren und Gespenstern...

Ein undurchsichtiges Geflecht aus Steuerhinterziehung und Kreditbetrug beschäftigt den zum Leiter einer neuen Sonderkommission ernannten Kommissar Theo Linthdorf. Quer durch ganz Brandenburg ziehen sich die Spuren diverser Scheinfirmen, die durch geschickte Transaktionen riesige Geldsummen ergaunern und die Behörden an der Nase herumführen. Die Ermittlungen führen Linthdorf schließlich auf ein altes Landgut im Norden Berlins. Unerklärlicherweise ereignen sich dort mehrere, ominöse Todesfälle. Eine Frau stirbt bei einem Verkehrsunfall, einem jungen Manne wird der Kopf abgetrennt, ein Steuerberater ertrinkt im Uferwasser eines Sees und ein einsiedlerischer Maler wird auf einem alten Friedhof zu Tode erschreckt. Die Begleitumstände der Todesfälle sind mysteriös. Da ist vor allem das Erscheinen der Weißen Frau, einem alten Spuk aus dem Mittelalter, und es gibt auch noch die vielen massakrierten Kraniche, die überall im Umfeld des Gutes entdeckt werden, die Linthdorf Stoff zum Grübeln geben. Ein Sumpf aus Intrigen wird sichtbar. Die handelnden Personen sind allesamt in einem eigenartigen Abhängigkeitsverhältnis in diesem Sumpf gefangen. Es ist eine mühselige Arbeit für den Kommissar und seine Mitarbeiter.

Viernau, Thomas L.

Viernau, Thomas L.

Unter dem Namen Thomas L. Viernau veröffentliche ich inzwischen seit 2012 Krimis. Ich lebe und schreibe in Brandenburg. Geboren 1963 im thüringischen Suhl, aufgewachsen im Thüringer Wald, dann nach Berlin gekommen, ein Wirtschaftsstudium absolviert, nebenbei stets gezeichnet und gemalt, schließlich auch begonnen zu schreiben… Anfangs journalistisch, später dann auch als Sach- und Reisebuchautor. Im Jahre 2003 erschien mit „Reisen zum Tee“ ein Reisebuch in die Länder des Tees. Meine persönlichen Erfahrungen als Teehändler wurden darin zu kleinen Reisebildern verarbeitet. Mein Lebensmittelpunkt lag damals noch in Berlin. In vielen Jobs habe ich gearbeitet, u.a. als Journalist, Maler/Graphiker, Kaufmann, mich dann selbständig gemacht, immer rastlos auf der Suche…Endlich in Brandenburg fündig geworden. Das Land wurde literarische und auch wirkliche Heimat für mich. Familiär bin ich glücklich geschieden, zudem Vater zweier Söhne und Großvater eines kleinen Enkelsohnes. Jetzt lebe ich mit meiner Lebenspartnerin in der Lausitzmetropole Cottbus, arbeite als Lehrer für Kunst an einem Gymnasium und schreibe weiter fleißig… nicht nur Krimis, auch Reisebilder (u.a. die vierbändige Reihe „Die Farben Brandenburgs“ und „Das verschwundene Berlin“), bewege mich auf historischen Pfaden im Fontaneschen Sinne (u.a. die sechsbändige Reihe „Zeichnungen zu Fontanes Wanderungen“), illustriere dazu noch Bücher und male Bilder. Für meinen Verlag lektoriere und korrigiere ich nebenbei Bücher aus vollkommen anderen Genres. Außerdem pflege ich ein paar ungewöhnliche Hobbys: Kraniche gucken, alte Industriebauten entdecken, Enten füttern, Briefmarken sammeln, Tee trinken, dialoglastige französische Filme ansehen, antiquarische Bücher lesen und sammeln, unnütze Dinge aufbewahren.... genug davon.

Ein aufregendes und erfülltes Leben ist das!

Regulas Fluch - Ein Auszug aus dem Kapitel....

I
Lankenhorst - Montag, 13. November 2006


Ein großer schwarzer Hund schnüffelte im Morgengrauen dieses Novembertages im herabgefallenen Laub. Voller Befriedigung über das aufregende Spiel mit den Blättern schniefte und fiepte er hemmungslos vor sich hin. Nichts erinnerte in diesem Moment an die Würde des großen Tieres, das sonst treu an der Seite seines Herrchens den gegenwärtigen Schicksalsschlägen trotzte.
Natürlich, es war Brutus.
Brutus wurde an diesem Morgen von den beiden selbst ernannten Parkwächtern Rolfbert Leuchtenbein und Gunhild Praskowiak ausgeführt. Die beiden hatten sich mit Blaumann, Seil, Taschenlampen und hohen Gummistiefeln ausgerüstet. Es war ihr dritter Anlauf, endlich Licht in das Geheimnis des unterirdischen Gangs zu bekommen. Beim ersten Versuch waren den beiden der Potsdamer Kommissar und sein Kollege dazwischen gekommen. Die Fragen, die ihnen der schwarz bemantelte Hüne stellte, hatten die beiden verunsichert. Was wusste der von den Quappendorffs?
Wieso war der Ermittler an den alten Spukgeschichten interessiert?
Keiner der anderen Polizisten wollte darüber etwas wissen. Die stellten nur immer wieder dieselben Fragen über den möglichen Tathergang, Ort und Zeit, eben, die Fragen, die man von den langweiligen Krimiserien im Fernsehen immer schon kannte. Nachdem die Polizisten weg waren, hatten die beiden ihre Suche
abgebrochen. Ihnen war an diesem Tag das Herz in die Hose gerutscht, obwohl sie sich nichts vorzuwerfen hatten. Dann hatten sie es noch einmal am Samstag probiert. Gerade als sie sich fertig gemacht hatten, kamen die beiden Zwiebels ganz aufgeregt angelaufen und berichteten von dem Leichenfund
unten am Hellsee. Ein Unbekannter sollte es sein, ausgerutscht wahrscheinlich auf einem Stein und dann bewusstlos im flachen Wasser in der kleinen Bucht vor der Hellmühle ertrunken. Jede Hilfe kam zu spät. Polizeiautos waren da und Krankenwagen und auch viele Zivilpolizisten. Wahrscheinlich war es wohl kein gewöhnlicher Unfall.
Der Baron wusste auch schon Bescheid. Die Frau von der Hellmühle, die Jutta, hatte angerufen. Rochus von Quappendorff war erneut am Boden zerstört. Der Tod war im Moment allgegenwärtig. Wieder hatten die beiden Forscher ihr Vorhaben resigniert aufgegeben und sich zum Krisentreffen bei den Zwiebels zum
Kaffee eingefunden. Mechthild hatte Kuchen gebacken. Kuchen war eine der großen Leidenschaften des Hausmeisterehepaars. Erstaunlich, was da für Kreativität und Phantasie freigesetzt wurden. Jedenfalls saßen die vier den ganzen Nachmittag in der warmen Küche. Draußen war es ungemütlich geworden. Es regnete in Strömen. Kein Wetter für diffizile Forschungen.
Am Sonntag war Programm. Die Veranstaltungen liefen unbeirrt von den Todesfällen weiter. Quappendorff hatte darauf bestanden. Es war die Struktur, die er dringend benötigte, um nicht zusammenzubrechen. Solange der Veranstaltungsplan die Tagesabläufe auf Gut Lankenhorst prägte, war alles in Ordnung
und alle konnten sich ablenken. Aber jetzt sollte es klappen mit dem Geheimgang! Ein bisschen
Angst war auch dabei. Immerhin, der Gang war schon viele Jahrhunderte nicht mehr benutzt worden, wer weiß, was sie da unten erwartete. Vielleicht waren ja auch Teile des Gangs eingestürzt, aber probieren mussten sie es.
Leuchtenbein war eine etwas zaudernde Natur, ohne die resolute Gunhild würde er wohl kneifen. Beide zusammen brachten genug Mut auf, um den Gang zu erforschen. Außerdem hoffte Gunhild, ihren verlorenen Schuh aus dem Modder ziehen zu können. Leuchtenbein hatte eine ausziehbare Leiter aus
Leichtmetall organisiert, damit konnten sie gefahrlos hinabsteigen. Die Öffnung, die sie durch Zufall entdeckt hatten, war nicht so leicht wieder zu finden. Leuchtenbein hielt die Karte in der Hand. Ein rotes Kreuz war neu hinzugekommen. Dieses Kreuzchen markierte den Einstieg. Nach ein paar Minuten
jedoch standen die beiden vor dem schwarzen Loch von der Größe eines Gullydeckels. Leuchtenbein leuchtete mit seiner extralangen Maglite-Lampe hinein in den Höllenschlund. Der Lichtkegel fiel auf eine bizarre Szenerie. Der Gang war mit Backsteinen ausgemauert, den Boden bedeckte eine schwarzgrüne Modderschicht. Die Wände waren mit dicken, weißen Kalkausblühungen überzogen.
Etwas bewegte sich da unten auch. Es konnte nichts wirklich Großes sein. Aber ein mulmiges Gefühl bemächtigte sich Rolfbert Leuchtenbeins.
»Brutus, du bleibst hier sitzen und passt auf. Wenn jemand kommt, bellst du!«, damit instruierte Gunhild ihren vierbeinigen Beschützer.
Gunhild hatte die kleine Leiter ausgezogen und versenkte sie geschickt in dem Loch. Dann schwang sie sich auf die oberste Sprosse und kletterte hinab. »Na, nu leucht' ma schön, damit ich nicht daneben trete.«, damit übernahm sie die Führung bei der Erkundung. Unten angekommen, versank die Frau fast knietief im Modder. Obwohl sie Gummistiefel trug, spürte sie wie der kalte Glibber in die Stiefel schwappte. Leise fluchte sie vor sich hin. Von oben ertönte Leuchtenbeins Stimme: »Alles okay?«.
»Jaja, komm nur runter.«
Eine Minute später stand der Archivar neben ihr. Vorsichtig erkundeten die beiden die Lage. Von oben hingen zahlreiche Spinnweben herab, der Modder roch unangenehm nach Fäulnis und Fäkalien. Gunhild kannte den Geruch bereits. Immerhin hatte sie bei der Entdeckung des Gangs schon damit
Bekanntschaft schließen dürfen. Zwei Stunden lag sie in der Wanne und dennoch hatte sie das Gefühl immer noch zu stinken wie eine altes Klo. Die Klamotten durchliefen dreimal die Waschmaschine, ehe Gunhild sie als geruchsfrei einstufte.
Leuchtenbein zog zwei Wollmützen aus seinem Blaumann. »Hier setz' auf.«
Gunhild griff dankbar zu. Nicht auszudenken, wenn alte Spinnweben ihr ins Haar ... Ein Schauer durchzuckte sie. Möglicherweise war ja sogar noch eine Spinne ..., igitt!
Dann hatte der Archivar wieder seine Karte hervorgeholt, dazu den Kompass und nach ein paar Sekunden wies er in eine Richtung. »Dahin müssen wir zuerst.« Gunhild marschierte vorneweg. Marschieren war vielleicht zuviel gesagt. Es war ein mühsames Vorankommen durch den Modder. Immer wieder blieben sie stecken. Ratten waren ihre ständigen Begleiter. Immer wieder huschten die großen grauen Nager vor
ihnen davon in ihre unsichtbaren Verstecke. Gunhild brabbelte dauernd vor sich hin. Leuchtenbein schwieg.
Ab und an schaute er auf seine Karte und korrigierte mit einem Bleistift ein paar Linien. Eine halbe Stunde kämpften sie sich voran. Sie hatten nicht das Gefühl, wirklich eine größere Strecke geschafft zu haben. Die
Dunkelheit, die nur von den Leuchtkegeln ihrer Taschenlampen durchbrochen wurde, löschte jedes Gefühl von Raum und Zeit. Leuchtenbein sah ab und zu auf seine Uhr. Maximal eine Stunde hatte er veranschlagt für die Erkundungstour. In einer Stunde konnte man unter solchen Bedingungen vielleicht tausend Meter
vorankommen. Die kleine Kapelle lag aber nur knapp fünfhundert Meter entfernt vom Schlosspark. Falls seine Annahme richtig war und der Gang wirklich vom Schlosspark zu dem kleinen Friedhof führte, müssten sie eigentlich schon längst da sein. Aber der Gang führte immer weiter. Ab und zu schaute der skeptische Archivar auf seinen Kompass. Die Nadel war unbestechlich. Der Gang führte mittlerweile
Richtung Nordwest. Die Kapelle lag aber in nordöstlicher Richtung vom Eiskeller aus gesehen. Sie entfernten sich mit jedem Schritt weiter von ihrem vermuteten Ziel.
Die kalte Feuchtigkeit, die hier unten herrschte, kroch langsam aber sicher von den moddrig feuchten Füßen über die Beine nach oben. Die beiden unerschrockenen Forscher hatten schon
geahnt, dass die Erkundung eines unterirdischen Geheimganges kein Zuckerschlecken sein würde, aber dass es so unangenehm und eklig war, hatten sie sich nicht vorgestellt.
Nach den Korrekturen, die Leuchtenbein auf seiner Karte eingezeichnet hatte, mussten sie jetzt ungefähr den Elsenbruch über sich haben. Führte der Gang zu den alten Feldsteinscheunen, die als Ruinen im Elsenbruch standen? Der Gang schien hier aber keinesfalls nach oben zu führen. Missmutig arbeiteten sich die beiden weiter voran. Gunhild, als die größere von den beiden, hatte zuerst das Gefühl, dass der Gang immer niedriger wurde. Immer öfter musste sie den Kopf einziehen: »Merkste das? Der Jang würd imma kleena.« Leuchtenbein nickte. Ihm machte der Verlauf des Ganges zu
schaffen. Er entsprach überhaupt nicht dem in den alten Chroniken beschriebenen Geheimgang. Vielleicht war es ja auch ein zweiter Geheimgang, der bisher noch nirgends dokumentiert worden war?
»Wir kehren um. Das bringt nichts.«
Gunhild schaute den Archivar entsetzt an. Sollte die ganze Schinderei umsonst gewesen sein? Sie hatte einen etwas sportlicheren Ehrgeiz als der Archivar.
»Bertchen, die leuchtest jetzt hier. So einfach lassen wir uns nicht...« Sie hielt mitten im Satz inne. Der Kegel der Leuchtenbeinschen Taschenlampe fiel auf einen seltsamen Stein, der hier mitten im mit Kalk überzogenen Mauerwerk seine Konturen offenbarte. Es schien ein grob behauenes Kreuz zu sein. Vielleicht Achtzig Zentimeter breit und einen knappenMeter hoch.
Leuchtenbein kratzte mit seinem Multifunktionsmesser am Kalk. Unter der porösen Kalkschicht kam dunkles, sehr hartes Gestein zum Vorschein. Granit. Es war ein Steinkreuz. Die Form des Kreuzes erinnerte an das »Eiserne Kreuz« aus der Zeit der Preußenkriege, aber es musste deutlich älter sein. Es schien auch eine Jahreszahl eingeritzt zu sein und zwei Großbuchstaben waren mit ungelenker Handschrift im Schaft
des Kreuzes zu erkennen. Leuchtenbein zog vorsichtig die Linien nach, indem er ein Blatt Papier fest auf die Kalkoberfläche presste und mit seinem Bleistift jede Vertiefung schraffierte. Mit viel Phantasie konnte man die Buchstaben R und C erkennen, dazu die Zahlen 14 und 18. Gunhild brabbelte vor sich hin.
»Det würd imma unheimlicha ... Ick gloob langsam ooch schon
an Jespensta. Wat is das allet nur forn Zeugs?«
Leuchtenbein kratzte sich am Kopf. »Was das zu bedeuten hat, weiß ich auch noch nicht ...« Er holte eine kleine Kamera heraus und fotografierte alles noch einmal. Dann klopfte er mit einem Geologenhammer, den er ebenfalls aus den Tiefen seines Rucksacks hervorgekramte, die Wände ab. Dem Kompass nach
mussten sie sich direkt unter den alten Ruinen im Elsenbruch befinden. Unweit des eingemauerten Steinkreuzes änderte sich der Klopfton. Es schien, als ob hinter dem Mauerwerk ein Hohlraum sei. Der Leuchtkegel der Taschenlampe wanderte zentimeterweise am Gemäuer entlang. In dem Mauerwerk
zeichnete sich eine Spalte ab. Leuchtenbein folgte dieser Spalte, die sich als Kontur eines Vierecks entpuppte. Die Abmessungen passten zu einer Tür. Allerdings war nicht ersichtlich, wie sich
diese Tür öffnen ließ. Verdrießlich wandte sich Leuchtenbein ab. Seine Begleiterin hatte mit großem Interesse zugesehen, wie professionell der Archivar hier unten herumhämmerte. Er war ja doch zu mehr zu gebrauchen, als nur für seine alten Bücher.
Gunhild hatte das ominöse Viereck ebenfalls gesehen. »Ne Jeheimtür! Ick werd' irre!« Sie drückte mit ihren Händen gegen das Mauerwerk. Nichts bewegte sich. Just als sie sich wieder abwandte, klappte das geheimnisvolle Viereck mit einem quietschenden Geräusch nach hinten weg. Die Blondine erschrak
und quiekte wie ein Meerschweinchen in Todesangst. Muffige, kühle Luft strömte aus dem dunklen Loch. Leuchtenbein hatte sich als erster wieder gefangen. Mit seiner Taschenlampe leuchtete er ins Schwarz.
Die Konturen eines großen Raumes zeichneten sich ab. Wasser stand auf dem Boden. Schwer einzuschätzen, wie tief es war. Die Tür war eine Art Klappe. Die Scharniere waren gut versteckt gewesen. Der schmächtige Leuchtenbein kletterte durch den Eingang. Mit einem beherzten Sprung stand er in dem dunklen Raum. Das Wasser am Boden war knietief. Seine Gummistiefel reichten bis knapp unter die Knie. Sie liefen voll. Ein Schauer jagte ihm über den Rücken. Adrenalin pur. Leuchtenbein konnte
nicht sagen, ob der Schock über das eiskalte Wasser, das an seine Füße drang oder das Gefühl in einem unbekannten Raum zu stehen, der vielleicht Dinge enthielt, die er nicht zu träumen wagte, dafür verantwortlich waren.
Wieder gab es ein Platschen. Gunhild war gesprungen und stand neben Leuchtenbein. Ein »Iiiieeehhh!« entwich ihr. Auch ihre Gummistiefel waren nicht hoch genug. Vorsichtig tasteten sich die beiden voran. Das Wasser wurde immer tiefer und war inzwischen fast hüfthoch. Der Adrenalinschub verhinderte, dass die zwei froren. Der Lampenstrahl glitt über die Wasseroberfläche. Spiegelglatt und tiefschwarz lag sie vor ihnen. Das andere Ende des Raumes war, etwa zehn Meter entfernt, schwach zu erkennen. Der Raum
schien keinerlei Fenster oder Türen zu haben. Seltsam. Was war das für ein Raum?
Wer hatte ihn gebaut und wozu?
Leuchtenbein blickte nach oben. Die Decke war ein klassisches Tonnengewölbe. Solche Tonnengewölbe hatte man im 12. und 13. Jahrhundert gebaut. Sollte dieser Raum zu einer uralten Burg gehört haben? Lankenhorst stand ja auf den Fundamenten einer alten, romanischen Burg, besser gesagt eines Festen Hauses. Ein Festes Haus war so etwas wie eine kleine Burg für den ärmeren Kleinadel. Hier im Brandenburgischen waren solche Festen Häuser häufiger anzutreffen als Burgen. Viele dieser Kleinburgen verschwanden wieder im Laufe der Zeit. Der Kleinadel starb aus. Ihre Hinterlassenschaften wurden
dann kurzerhand umgebaut zu Verwaltungshäusern oder Wirtschaftshöfen.
Natürlich, der Elsenbruch, das war früher mal ein Raubnest. Erst als die Quappendorffs kamen, wurde es ausgeräuchert. Leuchtenbein hatte in der alten Chronik darüber ein paar Bemerkungen gelesen. Ein Henning, Edler von Schneidemühl, soll hier sein Unwesen getrieben haben. Eigentlich war es nur ein
wegelagernder Raubritter, der sich im späten 14. Jahrhundert diversen Dienstherren angeschlossen hatte und so mehr schlecht als recht über die Runden gekommen war. Sein Domizil war ein Festes Haus, das allerdings nie gefunden wurde. Man nahm an, dass es bis auf die Grundmauern zerstört worden sei.
Vielleicht war der Elsenbruch der Standort seines Raubnestes. Und vielleicht hatten die Quappendorffs es zerstört und dann auf den Überresten ihre Wirtschaftshöfe gebaut. Jetzt hatten die beiden durchfrorenen Gestalten wenig Sinn für solche Überlegungen.
Vorsichtig wateten sie durch den dunklen Raum. Das Wasser wurde wieder flacher. Das andere Ende war erreicht. Zwei Treppenstufen, die unter Wasser lagen, führten zu einem weiteren Viereck, das sich undeutlich vom Mauerwerk abhob. Dieses Viereck war deutlich schmaler als das Pendant auf der anderen Seite. Vielleicht sechzig mal sechzig Zentimeter. Eher eine Fensterluke als eine Tür. Gunhild probierte wieder mit ihren Händen Druck auf das Viereck auszuüben. Wieder quietschte es und wieder klappte das Viereck einfach so nach hinten. Fahles Licht drang herein. Sie zwängte sich vorsichtig durch das enge Loch.
Wieder war ein Raum auf der anderen Seite, diesmal aber etwas Vertrauteres als der düstere Wassersaal mit dem Tonnengewölbe. Es war ein neuzeitlicher Keller. Überall standen Ackergeräte herum, teils verrostet, teils zerbrochen. In einer Ecke stapelten sich alte Matratzen. Durch ein halbblindes Fensterchen kam
spärliches Tageslicht herein. Gunhild mühte sich, ihre zweite Hälfte durch das enge Viereck zu zwängen. Vergeblich. »Berti, nu hilf doch mal!«
»Ja, was soll ich denn machen?«, ertönte die etwas hilflose Stimme Leuchtenbeins aus dem Off.
»Schieb doch mal!«
Er nahm all seinen Mut zusammen und stemmte sich mit voller
Kraft gegen Gunhilds ausladendes Hinterteil. Mit einem ächzenden Geräusch glitt die kräftige Frau durch die Luke. »Mensch, Berti. Ein bissken mehr Sensibilität hätt ick dia ja zujemutet. Det tut doch weh ...« Dabei rieb sie sich ihre lädierten Hüften und richtete ihren verrutschten Blaumann. Leuchtenbein kam hinterher gekrochen. Er sah sich um und war ebenso erstaunt wie seine Begleiterin.
»Weißt du, wo wir sind?«
»Nö.«
»Das ist die Alte Brennerei im Elsenbruch. Wir sind im Keller der alten Brennerei. Weißt du, was wir hier entdeckt haben? Die alten Kellergewölbe der Schneidemühlschen Burg, dem Vorgängerbau des Quappendorffbaus. Es galt als verschollen.
Und auf dem Steinkreuz, die Initialen R und C mit der Jahreszahl 1418. Das C könnte auch ein Q gewesen sein.
Weißt du, was das bedeutet? Regula von Quappendorff – sie hatte hier gelebt und war nicht in der Prignitzer Burg verbrannt. Sie war wohl doch mit dem Herrn von Schneidemühl vermählt worden und dann geflohen oder getötet worden. Ein Sühnekreuz mit ihren Initialen, das sind doch wirkliche Belege für ihre Existenz hier in Lankenhorst. Regula kann nicht die »Weiße Frau« sein, wie es in der Sage
beschrieben wurde.« Die beiden gingen vorsichtig die Treppen hinauf und standen plötzlich unter freiem Himmel. Das Schloss lag knapp dreihundert Meter entfernt schräg gegenüber und der Park
schloss sich dahinter an. Zerzaust und vollkommen durchnässt und verdreckt standen sie nun da. Leuchtenbein putzte seine Brillengläser und schaute sich um. Vor dem Schlosseingang machte sich Zwiebel zu schaffen. Er winkte den beiden zu. »Wie seht ihr denn aus? Wart ihr auf Wildschweinhatz?«, dazu ließ er ein wieherndes Lachen erklingen. Gunhild war geknickt. Sie fühlte sich vollkommen erschöpft. Leuchtenbein erging es ebenso. Brutus kam in großen Sprüngen herangehetzt. Er hatte seine
beiden Spielgefährten schon vermisst. Zwiebel erkannte den Zustand seiner beiden Kollegen. »Macht
euch erstma früsch, Dann kommt ühr zu uns zum Kaffe. Mechthild hat Kuchen jebacken.«
Die beiden Entdecker trotteten Richtung Schloss. Für heute war es genug,,,