Limettengelee
Viernau, Thomas L.

XOXO-Verlag, ein Imprint der Eisermann-Media GmbH

Taschenbuch, paperback, 128 Seiten, 128 Abb.

EAN 3967521613
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14,90 € [D], SFr. 0,– [CH], 14,90 € [A]

Limettengelee - vier Krimis in einem Band

Vier Erzählungen führen den umtriebigen Kommissar Linthdorf zu vier verschiedenen Schauplätzen in Brandenburg. Es ist fast eine kleine Chronik eines Jahres geworden, die in dem Sammelband Platz gefunden haben. Im Frühling reist Linthdorf mit seinem alten Freund Vosswinkel zu einem Anglerwettbewerb in die Uckermark, um den Tod des Zanderkönigs aufzuklären. Im Sommer macht Linthdorf mit seiner Lebensgefährtin Milena Urlaub am Stechlinsee. Natürlich gibt es auch da wieder unerklärliche Vorfälle aufzuklären, die allesamt mit der Rückkehr des sagenhaften Roten Hahns zu tun haben. Die geheimnisvolle Melancholie des Prignitzer Herbstes ruft die alten Quitzowgeister auf den Spielplan, die Linthdorf Einiges abverlangen, bevor er auch deren Geheimnis lüftet. Und schließlich erlebt er kurz vor Weihnachten ein etwas anderes Adventswochenende in einem einsamen Motel, das wegen eines Schneesturms zur Notunterkunft für ein paar seltsame Gäste wird. Dazu taucht immer wieder eine wohlschmeckende Köstlichkeit auf, die Linthdorf bezaubert. Limettengelee, mal auf Eis, mal auf Joghurt, mal im Glas … Was es mit dem Limettengelee auf sich hat, wird noch nicht verraten.

Viernau, Thomas L.

Viernau, Thomas L.

Unter dem Namen Thomas L. Viernau veröffentliche ich inzwischen seit 2012 Krimis. Ich lebe und schreibe in Brandenburg. Geboren 1963 im thüringischen Suhl, aufgewachsen im Thüringer Wald, dann nach Berlin gekommen, ein Wirtschaftsstudium absolviert, nebenbei stets gezeichnet und gemalt, schließlich auch begonnen zu schreiben… Anfangs journalistisch, später dann auch als Sach- und Reisebuchautor. Im Jahre 2003 erschien mit „Reisen zum Tee“ ein Reisebuch in die Länder des Tees. Meine persönlichen Erfahrungen als Teehändler wurden darin zu kleinen Reisebildern verarbeitet. Mein Lebensmittelpunkt lag damals noch in Berlin. In vielen Jobs habe ich gearbeitet, u.a. als Journalist, Maler/Graphiker, Kaufmann, mich dann selbständig gemacht, immer rastlos auf der Suche…Endlich in Brandenburg fündig geworden. Das Land wurde literarische und auch wirkliche Heimat für mich. Familiär bin ich glücklich geschieden, zudem Vater zweier Söhne und Großvater eines kleinen Enkelsohnes. Jetzt lebe ich mit meiner Lebenspartnerin in der Lausitzmetropole Cottbus, arbeite als Lehrer für Kunst an einem Gymnasium und schreibe weiter fleißig… nicht nur Krimis, auch Reisebilder (u.a. die vierbändige Reihe „Die Farben Brandenburgs“ und „Das verschwundene Berlin“), bewege mich auf historischen Pfaden im Fontaneschen Sinne (u.a. die sechsbändige Reihe „Zeichnungen zu Fontanes Wanderungen“), illustriere dazu noch Bücher und male Bilder. Für meinen Verlag lektoriere und korrigiere ich nebenbei Bücher aus vollkommen anderen Genres. Außerdem pflege ich ein paar ungewöhnliche Hobbys: Kraniche gucken, alte Industriebauten entdecken, Enten füttern, Briefmarken sammeln, Tee trinken, dialoglastige französische Filme ansehen, antiquarische Bücher lesen und sammeln, unnütze Dinge aufbewahren.... genug davon.

Ein aufregendes und erfülltes Leben ist das!

Aus der Erzählung "Der Tod des Zanderkönigs":

Es war Mord. Ein Unfall konnte bei der Wundform ausgeschlossen werden. Ein großer, schwerer Gegenstand war mit Wucht auf den Schädel des »Zanderkönigs« aufgeschlagen. Ein Schlag, wahrscheinlich von vorn geführt, so dass Schalowski während der Tat seinem Mörder direkt gegenüber stand. Möglicherweise kannte er ihn sogar. Linthdorf hatte ein paar Latexhandschuhe aus seiner Jackentasche gefischt und untersuchte die Leiche vorsichtig. Außer dem Schlag auf den Schädel waren keine weiteren Wunden zu entdecken. Ein möglicher Kampf war damit ebenfalls unwahrscheinlich. Der Schlag traf den Mann unerwartet und mit präziser Wucht. Es war weder eine Affekthandlung noch Folge eines Zweikampfs. Totschlag schied damit aus. Es war ein perfider und brutal ausgeführter Mord!

Vosswinkel sah Linthdorf an. Der nickte nur kurz. Die beiden Männer, Kriminalkommissare für Kapitalverbrechen bei den Landeskriminalämtern von Berlin und Brandenburg, waren sich sicher, dass der Mörder unter den Anwesenden zu suchen war. Die Tat sah nicht wie ein zufälliges Aufeinandertreffen zweier Streithähne aus. Ein gerade vorbeikommender Mensch verfügte weder über ein Motiv noch über die zur Tat gebrauchten Waffe, einem stumpfen Gegenstand, möglicherweise einer Keule oder einer Axt. Die beiden Kommissare kannten sich mit solchen Szenarien aus. Die Hemmschwelle für einen Mord war glücklicherweise bei den meisten Menschen sehr weit nach oben gerückt. Um sie zu überwinden, brauchte ein potentieller Mörder über entsprechende kriminelle Energie, die wahrscheinlich schon lange in ihm schlummerte.

Wer konnte also Schalowski so hassen, dass er ihn gezielt auf so brutale Weise umbrachte? Hatte er Feinde? Wenn ja wie viele? War einer darunter, dem so eine Tat zuzutrauen war? Was hatte der »Zanderkönig« vor seinem Tod gemacht? Oder war der Plan, ihn umzubringen bereits lange Zeit vorher gereift?

Aus der Erzählung "Die Rückkehr des Roten Hahns":

Er erfreute sich noch für einen Sekundenbruchteil am verdutzten Gesicht des Kollegen, klärte ihn schließlich auf. Eigentlich sei er ja noch im Urlaub und er sollte doch mal vorbeischauen, hatte sein Chef per Telefon ihm nahegelegt. Der Uniformierte führte ihn direkt an die Wasserkante. Dort waren die Männer des THW zusammen mit den beiden Rettungssanitätern dabei, eine am Boden liegende, leblose Person zu bergen. Die Person trug einen schwarz glänzenden Neoprenanzug, hatte eine große Sauerstoffflasche auf dem Rücken und eine extralange Monoflosse an den Füssen. Linthdorf erkannte an den Proportionen, dass es eine Frau sein musste.

Sie schien zu den Orientierungstauchern zu gehören, die gestern früh angekommen waren. Im klaren Wasser war eine rötliche Wolke zu sehen, die sich langsam verteilte. Es war Blut. Linthdorf musste schlucken. Wieder ein neues Bild, das sich in seinem Kopf festsetzen würde und ihm schlaflose Nächte bereiten würde. Sein geliebter Stechlinsee mit einer Blutwolke! Einer der beiden Sanitäter hatte die Frau im Neoprenanzug endlich auf den Rücken gelegt. Jetzt sah auch Linthdorf, warum die Rheinsberger Kollegen gleich in Potsdam beim LKA angerufen hatten. In der Brust der Taucherin steckte eine Harpune, die ziemlich sauber durchs Herz ging. Die Taucherin musste sofort tot gewesen sein. Der zweite Sanitäter zog ihre Taucherbrille vom Gesicht und entfernte auch die Schläuche. Dann zog er ihr behutsam die eng anliegende Neoprenkopfbedeckung ab. Blondes Haar kam zum Vorschein, zu zwei dicken Zöpfen zusammengebunden. Linthdorf betrachtete sich ausgiebig das Gesicht der Taucherin. Sie konnte maximal Mitte Zwanzig sein, hatte eine Stupsnase und die großen blauen Augen starrten ihn an, als ob sie noch leben würde. Der Mund war unnatürlich geöffnet, was wohl vom Mundstück des Sauerstoffschlauchs verursacht wurde. Am Arm ihres Anzugs war eine orangefarbene Binde mit einem Vereinslogo aus demselben Material wie ihr Anzug.

Linthdorf registrierte jede Kleinigkeit, prägte sich die Bilder ein, die sich auf seiner Netzhaut bereits eingebrannt hatten. »Wer hat sie gefunden?« Etwas abseits saßen zwei junge Mädchen in Badeanzügen, die eine Decke umgelegt hatten. Zwei der THW-Mitarbeiter kümmerten sich um die beiden Mädchen, die weinend am Boden kauerten und zwei Becher mit einem Heißgetränk krampfhaft festhielten. Linthdorf trat hinzu. Der eine THW-Mann schüttelte den Kopf. Die beiden standen noch unter Schock. Beim Schwimmen waren sie wahrscheinlich auf den leblos im Wasser treibenden Körper gestoßen. Die beiden seien aus dem Wasser gerannt, laut schreiend, hätten dadurch die übrigen Leute am Ufer alarmiert. Zwei Männer hatten die Taucherin schließlich ans Ufer gebracht. »Wieviel Sauerstoff ist noch in ihrer Flasche?« »Fast voll. Sie muss gleich, nachdem sie ins Wasser abgetaucht war, von ihrem Mörder erwartet worden sein. Höchstwahrscheinlich auch ein Taucher.« Linthdorf nickte. Das sah nicht nach einem Unfall aus. Nägelein hatte wie üblich untertrieben. Von wegen nur mal kurz vorbeischauen …

Aus der Erzählung "Quitzowgeister":

Linthdorf schlief tief und fest im Zimmer über der Stepenitz. Ob es an den Gerüchen lag oder einfach nur an den Geräuschen, die von dem stillen Flüsschen durch das halbgeöffnete Fenster zu ihm drangen, war schwer einzuschätzen, auf alle Fälle schlief er so tief und fest, wie schon lange nicht mehr.In seinen Träumen geisterten die alten Quitzows in ihren Ritterrüstungen herum, aber auch seine Mutter hinter der Fischtheke und sein Vater, der immer etwas zum Herumwerkeln hatte, und der Volkspolizeichef, der ihn wegen seiner Schneeballwerferei heranzitierte. Kater Knoll schlich herum, miaute dabei und blickte ihn mit seinen blauen Augen durchdringend an.

Als Linthdorf früh um Acht aufwachte, war der Spuk vorüber und nur eine vage Idee von den nächtlichen Träumen huschte durch seinen Kopf. Nach dem Frühstück in Edwinas großer Küche machte er sich auf den Weg. Er wollte die Dörfer besuchen, die von den Krawallgeistern heimgesucht wurden. Er hatte sich auf seiner Karte bereits alle Ort angestrichen, die einen Vorfall mit den Randalierern gemeldet hatten. Es waren größtenteils Dörfer, allesamt früher im Besitz der Quitzows, daher auch die vorläufige Bezeichnung der Randalierer als »Quitzowgeister«. Zu den Ortschaften, die von den »Quitzowgeistern« Besuch bekommen hatten, gehörten Kletzke, Viesecke, Legde, Quitzöbel, Cumlosen, Rühstädt, Eldenburg, Seedorf, das Städtchen Lenzen und die Plattenburg. Allesamt lagen im südlichen Teil der Prignitz. Linthdorf kannte die meisten Dörfer, war dort bereits in seiner Jugend unterwegs mit dem Fahrrad, später auch mit dem Moped. Mit seinen Kumpels tuckerte er in Ermangelung anderer Freizeitmöglichkeiten oft stundenlang durch die Weiten der Prignitz, die Stipprute auf dem Rücken und ein paar Anglerutensilien im Rucksack. Ihr großes Ziel war immer, am Elbufer zu stehen und dort die selbstgebastelten Stippruten hineinzuwerfen, um den ersehnten, großen, dicken Fisch herauszuholen.

Leider kam es nie dazu. Die Elbe war ein reißender, trüber Strom, dessen Uferböschung steil war und deren Fischbestand in den Siebzigern und frühen Achtzigern gegen Null tendierte. Dafür trieben auf den Wellen des Flusses schmutzig gelbe Schaumkronen und es roch meist sehr unangenehm, manchmal stank der Strom sogar... Also probierten sie es in den kleinen Zubringerflüssen, die aber für wirklich dicke Fische zu klein waren. Linthdorfs Mutter musste immer lächeln, wenn sie von den Angelausflügen erfuhr. Nein, so funktionierte es leider nicht. Schnell verlor der junge Linthdorf das Interesse an der Angelei und wandte sich anderen Dingen zu, die ihm erfolgversprechender erschienen. Eine Zeit lang stand Bogenschießen hoch im Kurs, dann probierte er sich mit dem Fotoapparat aus. Seine Patentante hatte ihm ihre alte Exa-1A überlassen. Fortan zog er mit dem Fotoapparat durch die Gegend, fotografierte so ziemlich alles, was ihm vor die Linse kam. Besonders alte Gemäuer hatten es ihm angetan. Als ob er mit seinem Kameraobjektiv ihre Geheimnisse hervorkitzeln könnte, nahm er sich sogar kleinste Details vor, kletterte in die abgeschiedenen Ruinen, kümmerte sich nicht, wenn ihn Brennnesseln oder Stachelgestrüpp piesackten, Hauptsache, er hatte das ungewöhnlichste Motiv abgelichtet.

In der Schule gab es eine AG, eine Arbeitsgemeinschaft »Fotografie«, in der er begeistert mitmachte, das Entwickeln von Filmen erlernte, dazu selber Papierabzüge, sogar großformatige, machte und fasziniert zusah, wenn im Entwicklerbad die Konturen langsam sichtbar wurden. Er bekam ein Gespür dafür, wann er das Foto ins anschließende Fixierbad befördern musste und sammelte so eine Vielzahl von ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die er immer wieder sortierte und zu Serien gruppierte.

Bis heute hatte er seine Fotos von damals aufbewahrt. Vier große Kartons waren gefüllt mit seinen Aufnahmen, fein säuberlich beschriftet und sortiert. Bis jetzt hatte er sich seine Leidenschaft für das Fotografieren bewahrt. Mit der Digitalknipserei konnte er nichts anfangen. Er hatte in seinem Auto stets seine inzwischen hochmoderne Practica, die er aber immer noch mit Schwarz-Weiß-Filmen bestückte. Zur Jugendweihe bekam er sein erstes Teleobjektiv geschenkt, endlich konnte er sich auch auf die Lauer legen und Tieraufnahmen machen. Seine Vorliebe für Wasservögel kam aus dieser Zeit. Tolle Portraits von Schwänen, Stockenten, Blesshühnchen und Haubentauchern zierten seine Wände, dazu die Tänze der Kraniche, die in der Prignitz immer im Herbst Station machten, des weiteren Störche und Reiher, die damals noch selten anzutreffen waren.

Aus der Erzählung "Wolfsadvent":

Er zog seinen Mantel an, vergaß auch den dicken Schal und seinen Hut nicht, und bewegte sich, so leise es ging, hinunter zur Eingangstür. Kalte Luft strömte sofort in den kleinen Flur, als er sie öffnete. Ein Blick aufs Thermometer am Eingang verriet, dass sein Gefühl richtig war, es waren minus zwölf Grad! Linthdorf drehte als erstes eine Runde ums Haus, um sich die Gegebenheiten einzuprägen. Gleich neben dem Gebäude stand ein kleines, quaderförmiges Hüttchen, wohl so etwas wie eine Garage. Ein großes Tor war die einzig Öffnung, natürlich verschlossen. Er würde sich noch um das Schloss kümmern. Zuerst wollte er jedoch seinen Rundgang fortsetzen.

An den Parkplatz grenzte ein Garten, der jetzt im Winter verwaist war. Wahrscheinlich standen im Sommer hier Tische und Stühle unter Sonnenschirmen. Inmitten des Sommergartens stand ein Brunnen, der allerdings vollkomen mit  einer Bretterverkleidung abgedeckt war. Die hohen Bäume ringsherum waren allesamt entlaubt und ragten wie monströse Riesen in den dunklen Himmel. Ein paar Laternen verbreiteten spärliches Licht und strahlten die Stämme an. Ein sonderbarer Ort, zur Sommerszeit bestimmt ein Paradies, jetzt aber eine Kulisse, die einem Horrormärchen entsprungen sein könnte. Linthdorf fröstelte es.

Gerade als er sich abwenden wollte, bemerkte er den Schatten, der sich zwischen den Baumstämmen bewegte. Es war kein Mensch, dafür war er zu klein. Aber er bewegte sich, also lebte der Schatten. Es war ein Tier! Linthdorf schluckte. Was bewegte sich lautlos da zwischen den Stämmen? Wildschweine machten Geräusche, die kamen nicht in Frage. Ein Fuchs? Dafür war der Schatten zu groß.

Plötzlich stand er vor ihm. Der Schatten war ein riesiger Wolf. Noch nie hatte Linthdorf ein solch prächtiges Tier gesehen. Deutlich größer als ein Schäferhund, mit einem dichten grauen Pelz ausgestattet, der ihm etwas Majestätisches verlieh. Eigentlich hatter er sich immer gewünscht, einmal einen Wolf in freier Wildbahn zu sehen. Doch nun war er überrascht. Der Wolf sah in an. Weder aggressiv noch ängstlich, eher neugierig, blickten die hellen Wolfsaugen auf ihn. Das Tier wusste, dass es nichts zu befürchten hatte. Auch Linthdorf spürte, dass von dem Wolf keine Bedrohung ausging. Es war eine Begegnung zweier einsamer Wesen in der kalten Winternacht, die sich, falls der Wolf so etwas wie menschliche Gefühle haben sollte, sofort verstanden. Unschlüssig stand er da, überlegte, was am besten zu tun sei. Etwas in seinem Innern schrie: »Lauf weg!«, doch er ignorierte diese Stimme. Nein, der Wolf war kein bösartiger Räuber, wie es schon seit Generationen in den Märchen vermittelt wurde. Er hatte ebenso wie der Mensch ein Recht aufs Dasein. Linthdorf spürte instinktiv, dass der große Graue vor ihm nicht auf Angriff aus war. Seine spitzen Wolfsohren standen aufrecht und er hatte eine Vorderpfote angewinkelt, ein untrügliches Zeichen, dass er in friedfertiger Mission unterwegs war.

Vielleicht zehn Sekunden standen sich die beiden im Laternenlicht gegenüber. Dann bewegte sich der Wolf langsam, schliff mit seinen Pfoten durch den Schnee eine kleine Schneise, der Linthdorf folgte. Fünfzig Meter entfernt vom Motel, es war inzwischen fast stockdunkel, da das Laternenlicht nicht bis hierher reichte, blieb der Wolf stehen, drehte sich noch einmal um. Linthdorf blieb im respektablen Abstand zu dem Graupelz ebenfalls stehen. Er glaubte im Dunkel die Kontur des Wolfes zu erahnen. Wollte der Graue ihm ein Zeichen geben? Wedelte er nicht  mit seiner Rute? Oder wie sollte Linthdorf das verstehen?

Plötzlich war er weg. Genau so still und leise wie er aufgetaucht war, verschwand er auch wieder. Etwas ratlos stand Linthdorf auf freiem Feld. Um sich herum war das große Nichts. Nur der schwache Lichtschein der Laternen zeigte, wohin er zu laufen hatte. Kopfschüttelnd machte er sich auf den Weg zurück. Seine Begegnung mit dem Wolf bereitete ihm Kopfschmerzen. Hatte er das nur geträumt? Aber er stand doch hier im Mantel, mit Hut und Schal mitten auf dem Feld! Ganz ohne Zutun war er doch nicht hierher gelaufen. Im Schnee war noch die Wolfsspur zu sehen. Nein, er hatte nicht geträumt...