Ludowingerblut
Viernau, Thomas L.

XOXO-Verlag, ein Imprint der Eisermann-Media GmbH

Taschenbuch, paperback, 108 Seiten, 108 Abb.

EAN 3967521621
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16,90 € [D], SFr. 0,– [CH], 16,90 € [A]

Linthdorf verschlägt es wieder nach Thüringen...

Milena Dragovic, Restauratorin aus Weimar, hat einen Auftrag im südthüringischen Henneberger Museum in Kloster Veßra übernommen. Dort war bei Restaurierungsarbeiten ein stark beschädigtes Wandbild aus dem frühen 13. Jahrhundert freigelegt worden. In der beschaulichen Idylle des abgelegenen Museums passieren plötzlich unheimliche Dinge. Erst taucht dieser seltsame Typ auf, der kein Wort spricht und wie ein Geist überall herumschleicht. Dann wird er plötzlich tot aufgefunden in einem der Museumshäuser und kurze Zeit darauf verschwindet das Wandbild, das Milena gerade restaurieren soll. Zuviel für sie! Sie informiert ihren Freund und Lebensgefährten Theo Linthdorf aus Brandenburg, der auch prompt zu ihr eilt. Inzwischen ist ein weiterer Toter aufgetaucht, diesmal in der Felsenwelt oberhalb der Ruine der Hallenburg in Steinbach-Hallenberg. Wieder ist der ominöse Tote ohne erkennbare Todesursache aufgefunden worden. Der Lokalreporter des »Rennsteig-Kuriers«, Tom Hainkel und die örtlichen Kriminalisten aus Suhl stocherten im Nebel. War es Mord? Gab es einen Zusammenhang zu dem Toten aus Kloster Veßra? Hatte die geheimnisvolle Handschrift aus dem 13. Jahrhundert, an der Milena gerade arbeitete, etwas mit den Toten zu tun? Linthdorf und seine Freunde ermitteln parallel zu den Suhler Kriminalisten. Eine mühsame Suche fördert nach und nach ein ziemlich unangenehmes Netzwerk zu tage. Was da ans Licht der Öffentlichkeit kommt, ist für alle Beteiligten ein Schock …

Viernau, Thomas L.

Viernau, Thomas L.

Unter dem Namen Thomas L. Viernau veröffentliche ich inzwischen seit 2012 Krimis. Ich lebe und schreibe in Brandenburg. Geboren 1963 im thüringischen Suhl, aufgewachsen im Thüringer Wald, dann nach Berlin gekommen, ein Wirtschaftsstudium absolviert, nebenbei stets gezeichnet und gemalt, schließlich auch begonnen zu schreiben… Anfangs journalistisch, später dann auch als Sach- und Reisebuchautor. Im Jahre 2003 erschien mit „Reisen zum Tee“ ein Reisebuch in die Länder des Tees. Meine persönlichen Erfahrungen als Teehändler wurden darin zu kleinen Reisebildern verarbeitet. Mein Lebensmittelpunkt lag damals noch in Berlin. In vielen Jobs habe ich gearbeitet, u.a. als Journalist, Maler/Graphiker, Kaufmann, mich dann selbständig gemacht, immer rastlos auf der Suche…Endlich in Brandenburg fündig geworden. Das Land wurde literarische und auch wirkliche Heimat für mich. Familiär bin ich glücklich geschieden, zudem Vater zweier Söhne und Großvater eines kleinen Enkelsohnes. Jetzt lebe ich mit meiner Lebenspartnerin in der Lausitzmetropole Cottbus, arbeite als Lehrer für Kunst an einem Gymnasium und schreibe weiter fleißig… nicht nur Krimis, auch Reisebilder (u.a. die vierbändige Reihe „Die Farben Brandenburgs“ und „Das verschwundene Berlin“), bewege mich auf historischen Pfaden im Fontaneschen Sinne (u.a. die sechsbändige Reihe „Zeichnungen zu Fontanes Wanderungen“), illustriere dazu noch Bücher und male Bilder. Für meinen Verlag lektoriere und korrigiere ich nebenbei Bücher aus vollkommen anderen Genres. Außerdem pflege ich ein paar ungewöhnliche Hobbys: Kraniche gucken, alte Industriebauten entdecken, Enten füttern, Briefmarken sammeln, Tee trinken, dialoglastige französische Filme ansehen, antiquarische Bücher lesen und sammeln, unnütze Dinge aufbewahren.... genug davon.

Ein aufregendes und erfülltes Leben ist das!

Aus dem Kapitel >Cogitationes Nocturnae:

Sentio senex et infirmi sed audacibus adune flav in saeculum dictandi mihi fabula verum ut scribis mihi annalium mihi sermo in temporibus supresse. Filius predicti Comitis Hennebergensis Vera tandem genere terreno illius qui Thuringis comitati Cantor et Crucesignatis

OvB

Nachtgedanken

Ich fühle mich alt und schwach, dennoch reichen meine Kräfte noch, meine Geschichte zu diktieren. Möge mein Chronist die Wahrheit schreiben, mein Wort soll die Zeiten überdauern.

Der Sohn der Grafen von Henneberg, Letzter wirklicher Nachkomme der Landgrafen von Thüringen, Sänger und Kreuzfahrer

OvB

Caput Primum

Frühsommer, Anno Domini 1235

Kloster Königsbreitungen,, Grafschaft Henneberg im Thüringerland

Die Vögel waren verstummt, nur das Summen der Insekten konnte man hören, legte man sich denn auf den Boden. Die Wiesen rings um das Kloster waren grün und saftig. Es roch gut. Der Tag ging, der Abend kam. Unter einer großen Eiche lag ein alter Mann. Silbergrau sein Haar, silbergrau sein Bart. Er war in kostbares Tuch gekleidet, Indigo, edles Blau. Eine Farbe, die nur wenigen zustand. Sie galt als kostbar und rar. Neben ihm lag ein großer Hund, eher an einen Wolf erinnernd. Er bewachte den Schlaf seines Herrn. Ein Reisender wohl. Reisende gab es wenige, selten waren sie allein unterwegs. Die Wege galten als unsicher und gefährlich. Überall lauerte das Böse. In der Grafschaft Henneberg sorgten zwar die Lanzenreiter des Grafen für Ordnung, aber überall konnten sie in dem dünnbesiedelten Land nicht sein.

Eine Abordnung aus dem Kloster, bestehend aus dem Klostervorsteher, einem Abt, und drei Mönchen, allesamt im typischen Habit der Benediktiner, schwarzen Kutten mit einer spitzen Kapuze, für das Auge eines Weltlichen eher abweisend wirkend, näherte sich dem Ruhenden.

Langsam bewegten sich die vier dunklen Schatten auf den Fremden zu. Die Schatten wirkten wie Boten aus einer anderen Welt in der sommerlichen Idylle. Sie näherten sich dem Schlafenden vorsichtig, aber der Abt erkannte sofort seinen Vetter. Es war ein Henneberger!

Er gab ein paar kurze Anweisungen, seine Mönche entfernten sich schattengleich ohne Geräusch. Der schlafende Reisende bemerkte die Schwarzgewandeten erst spät. Seine Reflexe waren jedoch intakt. Mit der rechten Hand hatte er sein Schwert bereits umfasst, bereit es sofort zu ziehen. Auch er erkannte den dunklen Mann, der vor ihm stand. Lächelnd stand er auf, klopfte sich die Grashalme ab, deutete eine Verneigung an. Ja, es war sein Vetter, ein Henneberger. Beide lachten jetzt, lagen sich in den Armen. Lange hatten sie einander nicht mehr gesehen. »Was führt dich zu uns? «

»Ein trauriges Ereignis. Ein Bote brachte vor einer Woche die Nachricht. Meine Schwägerin Jutta liegt im Sterben.« »Jutta? Jutta, die Ludowingerin?« »Ja, du kennst sie?« Der Schwarzgewandtete nickte. Natürlich kannte er sie. Sie war die Landesherrin. Nicht nur, dass sie die Frau des herrschenden Grafen Poppo VII. war, sie gehörte der Familie der Thüringer Landgrafen an, war die Tante des noch jungen Landgrafen Hermann II. und die ältere Schwester von Heinrich Raspe, dem Vormund Hermanns. Heinrich Raspe regierte die Landgrafschaft bis sein Neffe volljährig wurde. Jutta war damit eine der einflussreichsten Frauen des Landes und galt als Schönheit, trotz ihres Alters. Böse Zungen jedoch verleumdeten sie als eine hässliche und streitsüchtige Hexe.

Sie war die älteste Tochter des umtriebigen und charismatischen Landgrafen Hermann I., das einzige Kind, das er mit seiner ersten Frau Sophia von Sommerschenburg, einer anhaltinischen Prinzessin, hatte. Auf Hermann I. bezogen sich viele seiner Gefolgsleute, wenn es darum ging, Thüringen groß und mächtig zu sehen. Er hatte ein kühles Herz und starke Nerven. Intrigierte, opponierte, kämpfte mit Schwert und Verstand, wenn es darum ging, die Landgrafschaft Thüringen zu einem wichtigen und immer stärker werdenden Teil des immer noch instabilen Kaiserreichs zu machen. Hermann wechselte dabei die Seiten wie andere ihre Kleider. Mal hielt er es mit den Staufern, mal mit den Welfen, ganz so wie es ihm ins Zeug passte. Seine Untertanen jedoch verfluchten ihn als einen vom Teufel besessenen, bösartigen Räuber und Tyrannen, der wegen seiner ständigen Kriegszüge und Fehden ihnen das letzte bisschen Hab und Gut stahl.

Der junge Hermann, ein kränkliches Bürschchen, wurde dominiert von seinen beiden Oheimen Heinrich Raspe und Konrad Raspe sowie der Witwe Hermanns, Sophie von Bayern. Er war nur ein Schatten seines Großvaters. Anstelle auf der mächtigen Wartburg zu residieren, zog er es vor, in der kleineren Creuzburg, etwas weiter westlich an der Werra gelegen, Hof zu halten. 

Ja, wenn sein Vater Ludwig noch leben würde! Aber Ludwig IV., genannt der Heilige, musste ja auf Kreuzfahrt in den Orient! Was wollte er nur da? Er starb, bevor er überhaupt ankam, kurz nachdem die Schiffe den Hafen von Otranto in Oberitalien verlassen hatten. Man mutmaßte, die Pest habe sich im Lager der Kreuzfahrer ausgebreitet, selbst der Kaiser soll dabei gestorben sein. Heinrich Raspe intrigierte ebenfalls, so erzählte man. Es wurde gemunkelt, er würde gegen die Witwe seines Bruders, Elisabeth von Ungarn, Ränke schmieden. Er hielt auch alle anderen direkten Nachkommen Hermanns I. fern vom Hofe.

Irmgard, die jüngere Schwester Juttas, war mit einem Askanier verheiratet worden und residierte weit weg von Thüringen im Norden, Hedwig, die dritte Schwester, wurde mit dem streitsüchtigen Grafen Albrecht von Orlamünde verheiratet. Die Jüngste, Agnes war, nachdem sie unglücklich mit einem unkultivierten und grausamen Babenberger liiert war, mit dem sächsischen Herzog Albrecht verheiratet worden und der jüngste Sohn, Konrad Raspe, wollte Hochmeister der Kreuzritter - dem Ritterorden der heiligen Jungfrau Maria - werden, dem wohl einflussreichsten Ritterorden im Kaiserreich. Der Kreuzritterorden wurde zwar in Jerusalem gegründet, aber ihm gehörten vor allem Thüringer und fränkische Ritter an. 

Der Reisende wusste um die Malaise der Ludowinger. Er hatte selber eine gewisse Zeit auf der Wartburg zugebracht, das intrigante Spiel Hermanns mitverfolgt und sich seinen Reim auf die diplomatischen und kriegerischen Verwicklungen gemacht. Seine Schwägerin Jutta mochte er. Sie war eine kluge Frau. Als sie seinen Bruder, den Schleusinger Grafen Poppo VII. von Henneberg, heiratete, war sie bereits Witwe, ihre neununddreißig Jahre sah man ihr bei ihrer Hochzeit nicht an. Poppo war ebenfalls verwitwet. Seine junge Frau, Elisabeth von Wildberg, starb mit gerade einmal dreißig Jahren im Kindbett. Sechs Kinder hatte sie ihm bis dahin geschenkt. Fünf Kinder brachte Jutta mit in die Ehe! Und zu guter Letzt bekam sie mit ihrem neuen Ehemann noch einmal drei Kinder, darunter auch einen Sohn, wieder einen Hermann, in Erinnerung an den umtriebigen Großvater.

Der alte Mann war damals bei der Hochzeit dabei, brachte seine schöne Frau, Beatrix de Courtenay, die Segneurin von Joscelin, mit. Alle staunten. Eine vornehme französische Dame, reich und elegant. Er war zwar nur der viertgeborene Sohn des Henneberger Grafen, hatte seine älteren Geschwister jedoch dank seines Engagements im Heiligen Land in den Schatten gestellt. Sein Vetter, der Abt Godehard, wusste um seine aufregende Vita. Er wunderte sich, dass Otto, so der Name des alten Mannes im blauen Tuch, allein reiste. Doch der lächelte nur müde. Genug habe er erlebt, genug Leid und Tod gesehen. Er reise meist allein, da errege er am wenigsten Aufsehen.

Ob er über Nacht bleiben könne? Bis Slusungen (alter Name für Schleusingen) wäre es für einen Tagesmarsch zu weit. Godehard freute sich auf den unerwarteten Besuch