Poyais
Uli Aechtner

Emons Verlag


ISBN 978-3-7408-2589-8
März 2026

1820: Zwei Schiffe voller hoffnungsfroher Siedler stechen in See. Ihr Ziel: Poyais – ein neu gegründeter Staat in Südamerika, der europäischen Auswanderern Reichtum und Freiheit verspricht. Doch das angebliche Paradies ist eine Lüge. Poyais existiert nicht. Es ist die skrupellose Erfindung des Hochstaplers Gregor MacGregor, der mit glänzenden Versprechen Tausende in die Irre führt. Auch Kaufmannstochter Julie will mit ihrem Geliebten fliehen – und strandet in einer Katastrophe. In der unerbittlichen Hitze der Karibik kämpft sie gegen Hunger, Krankheit und Verzweiflung. Und steht bald vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens: Kann sie sich – und andere – retten?
Uli Aechtner

Uli Aechtner

Uli Aechtner arbeitete viele Jahre als TV-Journalistin. Ihre ersten Kriminalromane erschienen bei Rotbuch, frühe Aechtner-Krimis wurden von S.Fischer als E-Books neu aufgelegt. Die Autorin lebt in der Wetterau, einem schönen Flecken, der sie zu mythischen Morden inspirierte.

Fragen der SYNDIKATS-Redaktion an Uli Aechtner

Wo schreibst du am liebsten?

Stinklangweilig am Schreibtisch.

Welcher ist dein Lieblingskrimi?

Ach, ich mag soo viele, die Liste wäre sehr lang.

Warum bist du im SYNDIKAT?

Weil man in der Buchwelt unbedingt Beistand braucht.

Dein Lieblingswort?

Ende – wenn ich’s unters Manuskript schreiben kann.

Wo findest du Ruhe?

Bei Sonnenschein in meinem Garten.

Wo Aufregung?

Im dunklen Kino.

Deine persönlich meist gehasste Frage?

Wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch zu schreiben?

Leseprobe

Vor den Toren von Frankfurt am Main, April 1822

„Scht, lass uns leise sein!“ Julies Stimme war nur ein Wispern. „Nicht auszudenken, wenn mein Vater uns hier findet!“

Carl lachte gemütlich. „Keine Angst, er ist schon heute Morgen ausgeritten.“

„Bist du dir sicher?“ Sie sah ihn abwartend an, gebannt von dem abenteuerlustigen Glitzern in seinen Augen. Braune Locken versteckten seine Ohren, von denen sie längst wusste, dass sie unterschiedlich groß waren.

Selbstbewusst reckte er sein Kinn ein wenig vor. „Er kommt nie zweimal am Tag hierher.“

„Und wenn doch?“

Statt einer Antwort verschlossen seine Lippen ihren Mund. Noch im Küssen befreiten sie einander von Seidentaft und grobem Leinen, lösten Schleifen und Knöpfe. Die Nachmittagssonne drang durch die Dachluke des Heubodens und leckte ihre Blöße. Staubkörner tanzten durch die Luft. Im Stall unter ihnen schnaubten die Pferde, deren warmer Atem zu ihnen heraufdrang und sich mit dem Geruch ihrer Leiber mischte. Bibel und Gosse hatten Worte für den menschlichen Akt, Julie fand keins davon zutreffend. Er war Nähe und Fremdheit zugleich, Erregung und Scham, Vertrauen und Erlösung.

Später zog Carl einen Grashalm aus ihrem Haar und ließ ihn ihr Profil entlang gleiten. Sie fasste seine Hand und hielt sie zwischen ihren kleinen strammen Brüsten fest.

„Lass bitte, das kitzelt!“ Dass ihre Gestalt und ihr Gesicht etwas Knabenhaftes hatten, störte sie nicht weiter, und Carl schien es sogar zu gefallen, dennoch mochte sie von ihm nicht so eingehend betrachtet werden, wie er es gern tat.

„Wir sollten in einer anderen Welt leben“, sagte er versonnen. „In einer Welt, in der wir unter aller Augen miteinander leben könnten.“

Abrupt ließ Julie seine Hand los. Schlüpfte in Mieder und Kleid, fischte nach den Strümpfen, die sich im Heu verkrochen hatten. „Du könntest meinen Vater bitten, dir eine bessere Position zu geben. Die eines Aufsehers.“

Carl tat einen tiefen Seufzer. „Denkst du wirklich, er würde dich lieber seinem Aufseher zur Frau geben als seinem Pferdeknecht? Ich verstehe mich zudem nur auf Gäule. Du kennst mich nicht wirklich.“

„Aber ich liebe dich, nur das zählt. Und wir haben schöne Stunden miteinander.“

„Schöne Stunden!“ Sein Blick wurde dunkel. „Das Leben gemeinsam zu verbringen, wäre etwas anderes.“

„Ach, Carl!“ Sie lag im Heu, reckte ein Bein in die Höhe und zog die Naht ihres weißen Strumpfes gerade.

„Wir könnten auswandern“, sagte er. „Irgendwohin, wo wir frei wären.“