Schlangenkönig
Linthdorfs achter Fall
Viernau, Thomas L.
XOXO-Verlag, ein Imprint der Eisermann-Media GmbH
Taschenbuch, paperback, 114 Seiten, 114 Abb.
Ein Lausitz-Krimi
Die Lausitz ist bekannt für ihre Kohletagebaue, riesigen Kraftwerke und den damit verbundenen wirtschaftlichen Umbrüchen. Aber die Lausitz steht auch für eine reiche Geschichtstradition, geprägt von den Sagen und Mythen der kleinen, sorbischen Minderheit, die es geschafft hat, ihre kulturelle Eigenständigkeit durch die Jahrhunderte hindurch zu bewahren. In Cottbus, der Lausitzmetropole, geht nachts der Schlangenkönig wieder um und verbreitet Furcht und Schrecken; eine Figur, die schon seit vielen Generationen gefürchtet wird.
Ob der ominöse Schlangenkönig Schuld am Tod des Studenten hat, der als verkohlte Leiche aus dem Osterfeuer gezogen wurde, ist unklar. Auf alle Fälle sahen ihn mehrere Leute im Umfeld der schaurigen Fundstelle. Kurze Zeit später finden die Cottbuser Kriminalisten ein paar brutal zugerichtete Leichen in einem Haus am Altmarkt. Wieder sind es Studentinnen…
Kommissar Linthdorf wird mit herangezogen von seinen Cottbuser Kollegen, als es darum geht, die Reihe grausamer Morde im Studentenmilieu aufzu-klären. Die Spur führt Linthdorf zu Kohlegegnern, Verschwörungstheoretikern, Kleingärtnern und Ökofreaks.
Parallel zu Linthdorfs Ermittlungen spielt sich ein Drama in grauer Vorzeit ab. Tausend Jahre zuvor lebten die Elbslawen, allesamt westslawische Völker, deren Nachfahren die Wenden und Sorben sind, auf dem Gebiet des heutigen Brandenburgs. Ihr Leben im Fokus sich gerade formierenden Königreiche war nicht einfach. Nur wenig ist von ihnen übriggeblieben, ihre Spuren verlaufen sich… aber es gibt auch noch kleine Wunder: echte Schätze, eine reichhaltige Sagenwelt und das Wissen um die Verletzbarkeit unserer Natur und Umwelt, sind bewahrt worden. Ihr Erbe geistert noch heute durch die Köpfe vieler Menschen, speziell in der Lausitz.
Wer wirklich hinter den Morden steckt, ahnt keiner. Erst ein paar unscheinbare Hinweise aus der alten Slawenzeit bringen die Ermittler schließlich auf die richtige Spur.
Viernau, Thomas L.
Unter dem Namen Thomas L. Viernau veröffentliche ich inzwischen seit 2012 Krimis. Ich lebe und schreibe in Brandenburg. Geboren 1963 im thüringischen Suhl, aufgewachsen im Thüringer Wald, dann nach Berlin gekommen, ein Wirtschaftsstudium absolviert, nebenbei stets gezeichnet und gemalt, schließlich auch begonnen zu schreiben… Anfangs journalistisch, später dann auch als Sach- und Reisebuchautor. Im Jahre 2003 erschien mit „Reisen zum Tee“ ein Reisebuch in die Länder des Tees. Meine persönlichen Erfahrungen als Teehändler wurden darin zu kleinen Reisebildern verarbeitet. Mein Lebensmittelpunkt lag damals noch in Berlin. In vielen Jobs habe ich gearbeitet, u.a. als Journalist, Maler/Graphiker, Kaufmann, mich dann selbständig gemacht, immer rastlos auf der Suche…Endlich in Brandenburg fündig geworden. Das Land wurde literarische und auch wirkliche Heimat für mich. Familiär bin ich glücklich geschieden, zudem Vater zweier Söhne und Großvater eines kleinen Enkelsohnes. Jetzt lebe ich mit meiner Lebenspartnerin in der Lausitzmetropole Cottbus, arbeite als Lehrer für Kunst an einem Gymnasium und schreibe weiter fleißig… nicht nur Krimis, auch Reisebilder (u.a. die vierbändige Reihe „Die Farben Brandenburgs“ und „Das verschwundene Berlin“), bewege mich auf historischen Pfaden im Fontaneschen Sinne (u.a. die sechsbändige Reihe „Zeichnungen zu Fontanes Wanderungen“), illustriere dazu noch Bücher und male Bilder. Für meinen Verlag lektoriere und korrigiere ich nebenbei Bücher aus vollkommen anderen Genres. Außerdem pflege ich ein paar ungewöhnliche Hobbys: Kraniche gucken, alte Industriebauten entdecken, Enten füttern, Briefmarken sammeln, Tee trinken, dialoglastige französische Filme ansehen, antiquarische Bücher lesen und sammeln, unnütze Dinge aufbewahren.... genug davon.
Ein aufregendes und erfülltes Leben ist das!Aus dem Kapitel "Der Fluch des Bösen":
In den Straßen der Cottbuser Innenstadt
Ostersonntagnacht, 4.April, 2010
Still war es wieder geworden. Cottbus schlief. Morgen war ein Feiertag, Ostermontag, keiner musste früh aufstehen um zur Arbeit zu gelangen, niemand interessierte sich für das Geschehen in der Osternacht. Die Straßenbeleuchtung warf ihr fahlgelbes Licht auf leere Straßen. So spät nach Mitternacht war kaum noch jemand unterwegs. Die Stadt schien wieder in provinzieller Stille zu versinken. Nichts, aber auch gar nichts, konnte diesen Eindruck stören. Selbst die sonst so feierfreudigen Studenten hatten es nicht nötig, über die Osterfeiertage ihre lautstarken Feten zu zelebrieren. Die meisten waren heimgekehrt in den Schoß der Familie, um dort die Feiertage zu verbringen. Nur ein paar wenige blieben zurück, fanden sich noch in den Studentenwohnheimen und Clubkellern zu einem feuchtfröhlichen Beisammensein zusammen. Harte Rave-Klänge tönten aus dem Untergrund des Studententreffs „Crodo Blue“ am Ende der Sprem. Jedes Mal, wenn die Tür sich öffnete ergossen sich die hämmernden Beats der aggressiven Musik ungefiltert in die kühle Nachtluft. Sobald sich die Tür wieder schloss, konnte ein zufällig daherkommender Passant nur die dumpfen Bässe als ein unterschwelliges Vibrieren im nächtlichen Äther wahrnehmen.
Einem Schatten gleich bewegte sich eine Gestalt durch die Straßen der Innenstadt, die weder dem studentischen Publikum noch einer verspäteten Osterfeier zuzuordnen war. Sie schien fast zu schweben, denn ein langer Umhang bedeckte die Beine, verschmolz die Figur mit dem dunklen Ambiente. Ein seltsames Wesen schien es zu sein. Der Kopf war mit etwas Gezacktem bekrönt, das Gesicht war verborgen unter einer dämonischen Maske.
Zwei junge Mädchen kamen gerade aus dem „Crodo“ getorkelt, beide bereits mit einer bedenklichen Schieflage, die auf einen entsprechenden Konsum von alkoholischen Getränken schließen ließ. Die Flaschen in ihren Händen waren noch halbvoll. Es waren Alcopops, ziemlich hochprozentige Mixgetränke, deren Wirkung oft unterschätzt wurde. Beide kicherten und gackerten, schienen in einer Hochstimmung zu sein, die meist mit einem totalen physischen Zusammenbruch endete. Doch im Moment war ihnen das vollkommen egal, sie genossen den Augenblick und atmeten tief die kalte Nachtluft ein. Eine der beiden kramte aus ihrer Jeans Zigaretten hervor, die andere steuerte ein Feuerzeug bei. Sie inhalierten den Rauch, stießen blaue Wolken aus ihren rotgeschminkten Mündern aus und unterhielten sich dabei lautstark und intensiv über die Vorzüge und Nachteile eines Mannes namens Hanno.
Plötzlich schälte sich die unheimliche Gestalt aus dem Dunkel, wurde für ein paar Sekunden sichtbar im Licht der Straßenlaternen. Das ganze spielte sich in direkter Nähe zu den beiden Luftschnapperinnen ab. Der Anblick dieses nächtlichen Albs wirkte schlagartig ernüchternd auf die Raucherinnen. Ihr Gespräch verstummte abrupt. Wie gelähmt verharrten sie in der Pose, in der sie gerade noch so selbstsicher glänzten. Ein kalter Hauch traf sie. Vorbote von etwas Schlimmen. Die seltsame Gestalt, die eben noch im fahlen Lichtkegel der Straßenbeleuchtung sichtbar war, verschwand ebenso schnell, wie sie kam. Dennoch war ihre Präsenz noch zu spüren. Etwas Böses ging von ihr aus. Die beiden Raucherinnen waren noch immer vollkommen erstarrt, ähnlich den Kaninchen, die vor dem Zugriff einer Schlange in eine Art Angstkoma verfielen.
Wie aus dem Nichts tauchte die Gestalt plötzlich wieder vor ihnen auf, scharf umrissene Konturen wiesen auf eine ziemlich große Person hin, die vollkommen schwarz gekleidet war. Ein weiter Umhang verbarg den Körper, der Kopf war unter einer weißen Schlangenmaske verborgen, die von einem gezackten Strahlenkranz umgeben war. Lautlos glitt das Wesen an ihnen vorbei, schenkte den beiden jungen Damen keinerlei Beachtung. Innerhalb weniger Sekunden war der Spuk vorüber. Endlich löste sich die Schockstarre. Die beiden hatten ihre Hochstimmung schlagartig verloren und waren plötzlich stocknüchtern. Sie schauten sich an, um sich zu vergewissern, dass das, was sie gesehen hatten, kein Alptraum war.„Waaaas war das denn?“
„Oh, ein Psycho! Ein Irrer… ein Freak!“ Kopfschütteln.
„Nein, es war etwas zutiefst Böses. Etwas ohne jegliche Empathie… ein gefühlloses Tier.“
Die Freundinnen starrten sich an. Sie bekamen es mit der Angst zu tun. Was war ihnen da begegnet? Welcher normale Mensch geisterte zu nachtschlafener Zeit in einer solchen Kostümierung durch das stille Cottbus? Die wenigen Worte, die sie fast tonlos gesprochen hatten, beschrieben das Wesen ziemlich genau. Es war bösartig. Verstört drückten sie ihre Zigaretten aus, ihnen war plötzlich kalt geworden. Sie mussten dringend zurück in den schützenden Keller des „Crodo“. Die Rave-Takte hämmerten immer noch wie zuvor, aber den beiden Freundinnen kamen sie jetzt irgendwie belanglos vor. Was sie gerade erlebt hatten, grub sich tief in ihre Seele ein. Es war ihr erster, direkter Kontakt mit dem Bösen. Sie spürten, dass diese Begegnung ihnen mehr zugesetzt hatte, als sie sich eingestehen wollten. Ihr Leben geriet wenigstens für ein paar Stunden aus den Fugen und würde wahrscheinlich die bisherige Unbeschwertheit für immer verloren haben. Nach Hause ins Studentenwohnheim konnten sie im Moment noch nicht. Sie brauchten normale Leute um sich herum. Vorerst jedenfalls …
II
In den Straßen der Cottbuser Innenstadt
Ostersonntagnacht, 4.April, 2010
Er grinste, grinste übers ganze Gesicht. Lachen ging nicht, hatte er schon vor vielen Jahren bemerkt. Etwas seltsam war das schon, dass er nicht Lachen konnte. Einzig das Grinsen funktionierte noch. Nein, im Moment war er ziemlich zufrieden mit sich und der Welt. Das Grinsen war der adäquate Ausdruck für diese momentane Zufriedenheit. Eigentlich war sein Grundzustand eine permanente Unzufriedenheit, nichts, aber auch wirklich gar nichts, konnte seine Laune bessern. Missmutig stapfte er durch seine Welt, alle machten einen großen Bogen um ihn. Eine unsichtbare Welle seines Unbehagens schob er vor sich her, die auf seine Umwelt verstörend wirkte. Als ob die Menschen spüren könnten, dass eine Wolke negativer Energie ihn umgab. Sie mieden ihn.
Für die anderen Leute war er eine Unperson, keiner wollte freiwillig etwas mit ihm zu tun haben. Er spürte die Ablehnung, auch wenn keiner jemals etwas direkt zu ihm gesagt hatte. Es war wie eine stillschweigende Übereinkunft, dass man mit Leuten wie ihm nur das Allernotwendigste an Kommunikation aufbrachte. Wieso das so war, konnte er sich nicht erklären. Schon als Schulkind war er ein Außenseiter. Niemand wollte mit ihm spielen. Dabei hatte er die aufregendsten Spielsachen! Damals fing er an, sich mit den Monstren, Hexenwesen und anderen zwielichtigen Gestalten zu beschäftigen. Immer mehr identifizierte er sich mit den Gestalten des Bösen. Je mehr er auf Ablehnung stieß, desto größer wurde seine Hinwendung zu den dunklen Ausgeburten der menschlichen Phantasie. Als ob er Trost fände in ihrer Abscheulichkeit. Seine Begeisterung für das Böse nahm krankhafte Formen an. Er versuchte so zu werden, wie sich die kühnsten Verkörperungen böser Ideale in seinem Kopf manifestierten, träumte davon, sich an der undankbaren Welt zu rächen für sein Ausgegrenztsein. Blutige Rachefeldzüge entstanden in seinen Gedanken, prägten seine Träume und bestimmten immer mehr sein Handeln.
Die Alltagswelt von Cottbus war noch nie ein angenehmer Lebensraum für ihn. Er vermied es, bei Tageslicht durch die Straßen der Stadt zu laufen. Einzig nachts fühlte er sich sicher. Irgendwann begann er, sich zu verkleiden. So hoffte er, nicht erkannt zu werden bei seinen einsamen Streifzügen durch die dunklen Straßenzüge. Aber eigentlich war es ein Gefühl, ein Hochgefühl, das ihn ergriff, wenn er die Maskierung anlegte. Er verschmolz dann mit dem Charakter seiner Maske, wurde eins mit ihr. Er war jetzt wirklich der Schlangenkönig.
