REAL CASES - spannend, kurios, lustig und manchmal unglaublich, aber wahr!

geschildert von Jörg Schmitt-Kilian (KHK a.D. und Krimi-Autor)

Der (fiktive?) Polizist Andreas Müller erinnert sich an seine Dienstzeit, blickt zurück auf „Streifengänge“ als junger Schutzpolizist und schwierige Ermittlungen bei der Kriminalpolizei. Da Müller auch als „NÖEB“ (nicht öffentlich ermittelnder Beamter) im Drogenmilieu eingesetzt war, möchte er seine wahre Identität nicht preisgeben.

Würden Michi Kobr und Volker Klüpfel ihrem Kommissar KLUFTINGER und Rita Falck dem Dorfpolizisten EBERHOFER die unserer Serie geschilderten Situationen „auf den Leib schneidern“, würde der Leserkreis den Autoren eine „blühende Fantasie unterstellen, denn niemand würde glauben, dass solche Dinge tatsächlich geschehen. Aber die Realität des polizeilichen Alltags ist manchmal verrückter als die Autoren-Fantasie. Es gibt nichts, was es nicht gibt, und unser SYNDIKATS-Mitglied liefert die Beweise!

Real Cases Folge 12

 

 

 Major van Oppelen und der „Stang-Wasser-Anschlag“ 

 

 

 

Schutzpolizeiinspektion 1

 

 

 

 

 

 

 

Im letzten Nachtdienst hatte ich die große Ehre, Major van Oppelen kennenzulernen, als er „voll wie eine Strandhaubitze“ in Ausgeh-Uniform der Bundeswehr den Verkehr an der Kreuzung „Wöllershof“ regeln wollte. Er stand „militärisch stramm“ incl. Kopfbedeckung (das „bundeswehrgrau“ ist nachts nicht von „polizistengrün“ zu unterscheiden) auf der Kreuzung. Von dieser korrekten Haltung könnte sich manch junger Wachtmeister eine Scheibe abschneiden.

Major von Oppelen ist ein eigenwilliger Mensch, ein richtiger Bullewatz. Als sich einer der Autofahrer seinen Anordnungen widersetzte und das Haltezeichen missachtete, hatte er mit einem inbrünstigen Schrei seine Mütze in die Luft geschleudert. Zu meiner Verblüffung musste ich feststellen, dass mir die Menschen durch das Tragen der Uniform anders begegnen. Mich hat in meinem „Zivilistenleben“ noch nie zuvor ein Major durch Führen der Hand an seine Kopfbedeckung und Beinschlag begrüßt, sondern eher leicht verächtlich meine langen Haare und die Latzhose betrachtet. Es stimmt also doch: Kleider machen Leute.

Schutzpolizei 2

 

 

 

 

 

Vielen männlichen Besuchern der Kowelenzer Altstadt fehlt nach einer R(h)ein-Tour (immer rein in die Kneipen) und insbesondere beim Wechsel der „Zapfstellen“ die erforderliche Disziplin in der Blase und eine damit einhergehende Zurückhaltung, nicht öffentlich zu urinieren. Diese Form einer ungezügelten Leidenschaft zum spontanen „en Stang Wasser en die Eck ställe“ können Männer „in der Wildnis“ eher ausleben als Frauen. Das liegt in der Natur der Sache. Ob Baum, Busch, Straßenlaterne, Wand, Hauseingang oder Schaufenster, alles scheint sich als (Ziel-)Objekt zur Erledigung des dringenden Bedürfnisses zu eignen. Ich jedenfalls habe bis zum heutigen Tage noch keinen Mann im Freien ohne ein Ziel urinieren gesehen. Selbst auf der öffentlichen Toilette neben der Wache habe ich schon „spielerische Typen“ beobachtet, die auf die Fliegen an der Wand zielen. Aber es gibt auch Grenzen. Der Mann, der auf den Handgriff des Streifenwagens zielte, hat diese überschritten. Er tat das, was ein Mann tun muss (wenn der Körper es verlangt), aber an der falschen Stelle und zum falschen Zeitpunkt. Er urinierte nicht aus Not. Es könnte auch ein Racheakt gewesen sein. Egal ob Racheakt oder Verzweiflung: so etwas gehört sich einfach nicht.


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Karikatur: Godde

Jörg Schmitt-Kilian (ehem. Drogenfahnder und KHK a.D.) hat zahlreiche Bücher (u.a. einen SPIEGEL-Bestseller, mit Uwe Ochsenknecht verfilmt) und Themenhefte zur Früherkennung und Bewältigung von Krisensituationen (Drogen, Gewalt, school-shootings) mit einer Gesamtauflage von mehr als einer halben Million Exemplare geschrieben. Im September ist ENTFÜHRT der vierte Krimi seiner Serie „Neben der Spur“ erschienen.