REAL CASES - spannend, kurios, lustig und manchmal unglaublich, aber wahr!
Kann der Vergewaltiger und Mörder von Amy Lopez nach 31 Jahren ermittelt werden?
Teil 2: Wie ich im Krimi einen cold case „literarisch“ gelöst habe.
In Teil 1 berichtete ich über den bis zum heutigen Tag ungeklärten Mord an der jungen amerikanischen Touristin Amy Lopez, deren Leiche am 26. September 1994 kurze Zeit nach dem sexuellen Missbrauch unterhalb der Koblenzer Festung Ehrenbreitstein gefunden wurde. Trotz unserer intensiven Ermittlungen in der Mordkommission konnten wir den Fall nicht lösen. Diesen cold case habe ich mit dem Fall einer in Kanada vermissten jungen Frau verknüpft und beide Fälle in meinem Kriminalroman VERSCHWUNDEN (2018) „literarisch gelöst“.

Bei einer Wanderung durch das abgelegene Gebiet der Rocky Mountains in Kanada pausierten wir an einem Rastplatz mit dem Namen „Meeting of the Waters“. Dort fließen zwei große Gebirgsbäche zusammen, was mich an die sich in fast gleichem Winkel vereinenden Flüsse Rhein und Mosel am Reiterdenkmal „Deutsches Eck“ erinnerte. Zudem weckte das Fahndungsplakat nach einer vermissten jungen Frau namens Maddy Scott meine Erinnerungen an den bis heute ungeklärten Mord an der amerikanischen Touristin Amy Lopez und schon war die Idee für ein neues Buch geboren.
Da ich mit einem internationalen Polizeiausweis der IPA (International Police Association) weltweit als Kollege ausweisen kann, teilte man mir bei der örtlichen Dienststelle mit, dass Madison Scott weiterhin spurlos verschwunden ist. Der sachbearbeitende Officer vermutete Maddy könnte in der einsamen Gegend verunglückt sein, habe ihren Mörder oder einen Bären getroffen und aufgrund familiärer Probleme sei ebenfalls möglich, dass die junge Frau vor ihrem gewalttätigen Vater geflüchtet sei und wie in vielen Fällen zuvor entstand in der Einsamkeit der kanadischen Wälder die erste Idee für VERSCHWUNDEN. Ich konnte die acht Stunden Rückflug für die Erstellung eines Grobentwurfs nutzen und lies Maddy und Amy zu einer Person mit dem Namen Emily Scott „verschmelzen“.
Beim Rückblick auf meine Manuskripte wurde mir erneut bewusst: eine zufällige Begegnung, eine besondere Situation oder ein gutes Gespräch reichen oft, um einen alten Mordfall wieder „zum Leben zu erwecken“. Alle Krimiautoren werden auf Lesungen oft gefragt »Woher nehmen Sie die Ideen für die Stories?« oder «Haben Sie Vorbilder für Ihre Figuren?« Diese am häufigsten gestellten Fragen sind für schreibende Polizisten leichter zu beantworten. Frauen und Männer im Polizeidienst begegnen zahlreichen Tätern, traumatisierten Opfern, verzweifelten Angehörigen und lernen Kolleginnen und Kollegen in dramatischen Einsatzlagen und außergewöhnlichen Vernehmungssituationen kennen.
Diese (nicht immer schönen) Erinnerungen tauchen beim zufälligen Passieren eines ehemaligen Tatortes immer wieder auf und die Dienstzeit ist unsere „Fundgrube“. Die meisten Polizistinnen und Polizisten im Außendienst haben (hatten) fast „Jeden Tag den Tod vor Augen“ und ich kann es bestätigen: „Die erste Leiche vergisst man nie.“ Dies sind zwei Titel der im PIPER-Verlag erschienenen Bücher, in denen ich mit vielen Kolleginnen und Kollegen dramatische Erlebnisse geschildert habe, die uns besonders berührt haben. Es ist immer das erste Mal: die erste Leiche nach Suizid, der erste Raubüberfall, die erste Vergewaltigung, die erste Drogentote, der erste Mord und es werden dem ersten Fall weitere gleichgelagerten Fälle folgen. Ich erinnere mich in diesem Moment beim Schreiben spontan an einige Situationen; an den Tag als ich ein ertrunkenes Kind nicht retten konnte, ein Mann nach Bauchschuss in meinen Armen gestorben ist, ich bei der Festnahme eines Mörders das Opfer nicht mehr reanimieren konnte und ein sechzehnjähriges Mädchen nach einer Überdosis Heroin gestorben ist, weil ich die Dealerin erst bei entsprechender Beweislage festnehmen wollte.
Im Laufe eines Berufslebens werden Frauen und Männer im Polizeidienst mit vielen erschütternden Erlebnissen konfrontiert. Das ist „Part oft he Job“, aber so locker das klingen mag, ist es nicht. Schreiben sich Polizistinnen und Polizisten im wahrsten Sinne des Wortes „die Dinge von der Seele“ und hat das Niederschreiben traumatisierender Situationen eine Ventilfunktion, um dramatische Ergebnisse besser zu verarbeiten, frage (nicht nur) ich mich oft. Viele Psychologen vertreten die Ansicht, solche Bilder würden im Laufe der Zeit verblassen. Dies kann ich nicht bestätigen, denn wenn ich zufällig einen Ort passiere, an dem einst ein einschneidendes Ereignis stattfand, tauchen „von jetzt auf gleich“ die Erinnerungen auf. Die Vergangenheit wird plötzlich lebendig und vor meinem inneren Auge erscheint das Geschehen, als hätte es sich erst gestern ereignet. Ich pendele als Autor vielleicht stärker als andere schreibende Kolleginnen und Kollegen beim Entwickeln meiner Manuskripte zwischen Realität und Fiktion, wobei meine Fantasie manchmal von der Realität „überholt“. Dies kann ich in eindrucksvoller Weise in meinen Veranstaltungen und den Erklärungen in meinen Krimis beweisen.
Und noch eine letzte Anmerkung zum Thema „Dichtung und Wahrheit“: Den Grund, warum ich (gegen den ausdrücklichen Willen des Verlags) entschieden hatte diesen hässlichen (nicht verkaufsfördernden) Puppenkopf als Cover abzubilden: dieser Puppenkopf war an meinem fiktiven Leichenfundort (den ich bis dato nicht kannte!) auf einen abgebrochenen Ast gesteckt und nach dem fotografischen „Sichern“ – wie viele meiner Romanfiguren – VERSCHWUNDEN. Warum dieser abgeschlagene Puppenkopf an diesem mystischen Ort deponiert wurde, bleibt bis zum heutigen Tag ein Geheimnis.
Im dritten Teil erklärt Schmitt-Kilian, warum der cold case Amy Lopez aktuell erneut „aufgerollt“ wird und wieso das in der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY“ im September 2025 beschriebene Täterprofil „seiner literarischen Lösung“ aus dem Jahre 2018 ähnelt.


